d15 – Man sieht nur was man weiß

Als ich die Installtion zum erstenmal anschaute, dachte ich: Wie bei einem Kunstabschluss einer jungen Hochschulabgängerin, schön gemacht, etwas ungekonnt in der Ausführung, mit ästhetischem Anspruch, irgendwie ok, wenig hinreißend, vielleicht ein gutes Gut (2+). So geht der Mensch durch die Welt, auch ich.

Da Berenike eine andere Wahrnehmung von der Installation im Erdgeschoss in der Hafenstraße 76 hatte, schaute ich dann länger auf diese Mischung aus Aquarium, Puppenspiel und vielsagendem Raunen. Da werden dauernd Bilder produziert, alle in nächtliches Dunkel getaucht. Vor der Leindwand, auf der die Bilder erscheinen, mehrere tellergroße Glasscherben, an Fäden aufgehängt, so dass sie sich im Ruhezustand nicht berühren. Die Scherben sind an Fischerdraht aufgehängt. In gewissen Abständen wir die Hängung durch drei Motoren an der Decke in Bewegung versetzt. Dann schlagen die Scherben aneinander und lassen einen Klang entstehen, der mal nach Kirchenglocken klingt und mal nach verröchelndem Scheppern.

Der Hintergrund ist mal ganz dunkel, mal punktuell beleuchtet, mal auf der ganzen Bildfläche durch Muster aufghellt. Wird der Wert dieser zurückhaltenden Arbeit erhöht, wenn zusätzlich zum Sinnereindruck der thematische Hintergrund hinzukommt? Vielleicht ja. Wenn aber ja, ist das ein Zeichen für die nur relative und nicht unhinterfragbare, absolute Qualität dieses Werkes von Ali Kaaf und Khaled Mhzer? Vielleicht ist die Frage zum Teil durch diese beiden Namen schon beantwortet. Die Künstler, die sich hinter diesen Namen, stammen aus Nordafrika. Sie haben direkten Kontakt zu einzelnen Menschen, die zwischen Afrika und Europa im Meer ertrunken sind. Inzwischen sollen es über 50.000 sein, eine Menschenmasse, die in Europa einfach nicht gewünscht ist. Man könnte zynisch werden und sagen, was da durchs Wasser treibt und langsam auf Grund geht, ist wenigstens eine für das Meer und seine Bewohner gut verträgliche Biomasse, anders als der Plastikmüll im Meer. Man könnte traurig werden und sich ganz mit dieser Installation verbinden, die unaufgringlich an Tote im Mittelmeer erinnert. Sie werden auf geheimnisvolle Weise ein Stück weit aus der Anonymität herausgeholt, vor allem wenn plötzlich auf der einen oder anderen Scherbe die Spitze eines Kirchturms für Momente erscheint, zu dessen Füßen ein Friedhof imaginiert werden darf mit schön gepflegten Gräbern von Menschen, deren Tod mit der ihm gebührenden Würde in Erinnerung gehalten wird.