d15 – Metaebene

Kassel ist geprägt von einer jahrzehntelangen Geschichte der documenta. Auf diesem Bild vom Hiroshima-Ufer am Auedamm überlappen sich Schichten dieser Geschichte physisch sichtbar. Im Hintergrund steht die tonnenschwere Spitzhacke von Claes Oldenburg (documenta 7), sie ragt zwei Meter über einen Zehnmeterturm hinaus und ist aus Vollstahl. Im Vordergrund ist ein Teil des begehbaren, bespielbaren, in Badehosen genießbaren Freiluftobjekts der diesjährigen documenta an der Fulda abgebildet. Das Ganze etwas unscharf und in grau. Passt zum kommenden Herbst und zur spätsommerlichen Katerstimmung.

Kassel ist von der Geschichte der documenta nicht nur geprägt, sondern manchmal auch getroffen. Frontal. Josef Schuster vom Zentralrat der Juden, der, durchaus gemeinsam mit bestimmten Vertretern und Vertreterinnen der documenta, mitverantwortlich dafür ist, dass zur Zeit in Kassel kein Dialog, sondern der Streit tobt, hat erneut die Chance zur Verunglimpfung genutzt. Er gibt sich nicht nur als Kritiker der documenta, sondern sogar als ihr Prophet. Bei einer Gedenkveranstaltung zum Olympia-Attentat vom 5. September 1972 in München hat er laut Medienberichten die Prognose gestellt, dass die documenta fifteen als «antisemitische Kunstschau in die Geschichte eingehen» werde.

Wie ist das mit dem Satz, die Geschichte werde von den Siegern geschrieben?! Gehört Schuster, der Geschichte des 20. Jahrhunderts zum Trotz, zu den Siegern der Geschichte? Fühlt er sich als Teil der späten Sieger? Hat er die Macht, uns über die Zukunft der documenta ins Bild zu setzen und im Alleingang ihren geschichtlichen Ort zu bestimmen? 

Was aber hat das ganze Schlamassel eigentlich mit mir zu tun? Wieso beschäftigt mich dieser Streit dermaßen? Vermutlich weil ich treu ein persönliches Ziel verfolge, das wohl nichts mit den großen Veränderungen in der Welt zu tun hat. Ich hatte mir vorgenommen, während der Laufzeit dieser documenta täglich einen Beitrag zu schreiben. Mir schwebte vor, genährt aus der Erfahrung mit anderen Ausgaben dieser Ausstellung, dass ich mich täglich einer Sache, einer Künstlerin oder einem Künstler, einem Werk, einem Standort, einer Idee, etwas, das ich ohne diese documenta vielleicht nie kennengelernt hätte, intensiv widmen und darüber schreiben würde. Da es mir gut tut, diese Sache, die ich mir zur Aufgabe gemacht habe, gründlich zu verfolgen, schlage ich mich nun seit Wochen mit einem Wort herum, das für mich eine komplett ungesichterte Grundlage hat, es ist das Wort «Antisemitismus».

Nun, gut, dann ist es in diesem Jahr halt das Thema «Antisemitismus», zu welchem ich mir auf dieser documenta neue Zugänge erarbeiten werde. Ist doch eine gute Sache. Das Thema ist weltweit virulent, wie der Rassismus gegen schwarze Menschen in den USA oder gegen kurdische Menschen und viele viele andere Minderheiten. Mit diesem Gedanken kam ich lange über die Runden und verfolgte die Debatten um Taring Padi, abgebaute Kunstwerke und nicht zustande gekommene Dialoge. Nun frage ich mich langsam, ob ich irgendwo in diesem Problemkomplex ein Schrittchen weiter gekommen bin. Wo kann ich etwas Neues formulieren, das nicht Schuldzuweisung transportiert, nicht aus einer Ecke heraus argumentiert? Wie gehe ich mit bestimmten Namen und Schlagwörtern um, die ich auf die Hinterseite des Mondes schießen möchte, weil sie mich derart ärgern und in meinen Gedanken besetzen? Kurz: Wie nutze ich die großartige Chance dieser documenta, die, warum auch immer, derart im Schatten der Antisemitismusfrage steht (und fällt)? Denn es ist eine großartige Chance, dass auf der Plattform der Kunst Menschen aus Politik und Gesellschaft miteinander über nächste Schritte debattieren, wie das Antisemitismusproblem synergetisch in mit diesem Problem verwandte Themen eingebunden und gemeinsam würdig behandelt werden könnte. Natürlich sehe ich, dass wenig, vielleicht auch gar keine Fortschritte geschehen. Doch darum sollte ich mich weniger kümmern. Viel mehr muss ich mich darum kümmern, für mich selber weiterzukommen. Und um auf diesem Gebiet weiterzukommen, muss ich mich mit der Herkunft und genauen Bedeutung dessen beschäftigen, wie es zum Begriff «Antisemitismus» kam und was der Begriff bedeutet (was was er inzwischen alles nicht mehr bedeutet).

Gruß