d15 – Natur – Kultur – Kunst

In den früheren Ausgaben der Weltkunstausstellung in Kassel gab es, streng getrennt, das eigentliche Programm der documenta und daneben das documenta–Rahmenprogramm, eine Art Trittbrettfahrt für lokale Kunst- und Kulturinitiativen, die den Hype um die documenta für ihre eigenen Interessen nutzten. Ein ungleichgewichtiger Parallelprozess. Zum erstenmal ist das bei der documenta fifteen ganz anders. Die lokalen Initiativen sind mit ihr auf Augenhöhe vernetzt und werden im Gesamtprogramm präsentiert und zur Eigeninitiative ermuntert.

So finden im Ruruhaus am 16. und 30.8 sowie am 6. und 20.9. von 18.00-20.00 vier weitere Dionysos Dialoge statt. Zwei davon sind bereits über die Bühne gegangen. Es sind Gespräche über Kunst und Natur. Mathias Behrens und Michael Evers, beide aus Kassel, laden ein, gemeinsam den Blick auf die Natur zu erweitern. Ich staunte, als ich die Freunde als Teil nicht nur des Programms, sondern auch der Ideenbildung der documenta fifteen auf dem Podium sah. Freude. Die Bühne gegendert, dies allerdings eher per Zufall. Rechts die beiden männlichen Referenten, links zwei Frauen, die zum Publikum gehörten und brav zuhörten. Was mich noch mehr interessierte als die (wenigstens fürs Auge) gegenderte Gleichzahl zwischen Frauen und Männern, war der fünfte Sessel, der zwischen ihnen stand und während des Gesprächs leer blieb. Einmal wollte Matthias Behrens einen Referatezettel ablegen. Er sah kurz auf den leeren Sessel. Dort hätte das Papier bestens Platz gefunden. Doch als säße dort schon jemand, legte er den Zettel zwischen sich und diesem Sessel auf den Boden.

Damit war für mich klar: Da sitzt eine unsichtbare Figur und hört uns zu. Vielleicht könnte sie mitreden, als einzige mitreden, weil sie als einzige die Sprache für das hätte, was hier zu entwickeln versucht wurde.

Das erinnerte mich an den documenta-Standort Komposthaufen in der Karlsaue, es ist einer der verwunschensten, lauschigsten und inspirierendsten Plätze auf dieser documenta, der so genannte Theaterschlag. Unbedingt hingehen mit viel Zeit im Rucksack!

Mitten auf dem Kompostgelände steht ein Bauwagen. Die fensterlose Seite ist mit einem Riesentext versehen, Buchstaben, Wörter, keine Syntaxt, Sinnfetzen. Hier ist ein kleiner Ausschnitt daraus abgebildet:

Zu diesem Text gehört ein Buch dazu, das viele Geheimnisse plus eine Art Metageheimnis in sich birgt. Es ist im Bauwagen ausgestellt und trägt den Namen Das Buch der Zehntausend Dinge. «El libro de las diez mil cosas ist eine Einladung, den Spuren zu folgen, welche ‹die zehntausend Dinge› hinterlassen haben», steht neben der Eingangstür des Bauwagens, «ein Begriff, der im Daoismus gleichbedeutend mit der Gesamtheit der existierenden Entitäten ist. Das Buch gestalteten vierzehn argentinischen Künstler*innen und Schriftsteller*innen, die von der gemeinsamen Hypothese ausgingen, dass sich in der Mitte der Seite ein von einem nichtmenschlichen Wesen geschriebener Text befindet, der für uns unsichtbar bleibt. Wie kann man ‹mit› und nicht ‹über› die zehntausend Dinge sprechen? Welche Allianzen können wir uns vorstellen, damit dies geschieht? Wie ist es möglich, dies nicht auf der Grundlag des falschen Versprechens einer gemeinsamen Sprache zu tun, sondern mit einer gleichzeitig spielerischen und konsequenten Heteroglossie? Diese Fragen legten wir bei der gemeinsamen Erarbeitung eines Dokuments für die documenta fifteen zugrunde. Der erste Schritt war, einen Standort für den nicht-menschlichen Autor des Buches auszuwählen, den Theaterschlag in der Karlsaue.»

Der Abend mit Michael Evers und Mathias Behrens zeigte zwei eloquente Protagonisten, die mit dem Publikum die Frage nach einem künstlerischen Umgang mit der Natur (dem Begriff ‹Natur›) bewegten. Zwischen ihnen und den schweigenden Frauen auf der anderen Seite des Podiums war der leere Sessel mit jener Gesprächsfigur, die für mich unsichtbar – und unhörbar – blieb. Wir alle kennen diese Figur in uns. Gerade wenn wir von der, über die oder aus der Natur heraus zu sprechen versuchen, ist die auf dem Komposthaufen beschworene Heteroglossie besonders nah.