d15 – Nochmals: Schnellschüsse

Gestern wollte ich über Schnellschüsse in der Kunst schreiben, schweifte dann aber zu Maria ab, einem der drei Kunstwerke, die der Architekt Christoph Hesse in der Karlsaue stehen hat. Eins davon heißt Karlsauge:

Auf einem Rondell stehen, kreisförmig umgeben von jungen Birken, vier Holzstapel, in die sich pro Stapel ein bis zwei Personen rein setzen und in die grüne Umgebung schauen können. Die einzelnen Teile erinnern an eine Kaminholzsendung. Sowohl die Außenwände als auch der ausgesparte Sitzbereich verweisen auf strenge geometrische Formen. Sie sind es aber nicht, denn hier steht was über und dort ist was schief und die Stapel stehen da, als hätten sie einen Hexenschuss.

Die Assoziation, dass ich einen schlecht zusammengeleimten Kaminholzhaufen imaginiere, mag vom Künstler so gewollt sein. Vielleicht jedoch kommt sie mir deshalb, weil das Holz grottenschlecht und ungekonnt verarbeitet worden ist. Ich vermute das Letztere, kann aber natürlich nicht in den Generator der Visionen des Architekten blicken, um meine Eindrücke mit dem nötigen Wahrheitswert zu untermauern. Jedenfalls habe ich den Eindruck, sowohl die Ideenbildung als auch die Ausführung der Idee sind Schnellschüsse. Schnellschüsse aber können sich nur die allerwenigsten in der Kunst leisten. Nicht ganz zu Unrecht klagen traditionalistische Ästheten diese documenta wegen unendlich vieler solcher, wie ich es nennen will, Schnellschüssse an. Sie kommen nicht gut, echt nicht.

Der «Reflecting point» Karslauge mache aus der Lichtung, wo die vier Holzstapel stehen, einen «Ort der Begegnung und der Kontempation», steht im Begleittext zum Kunstwerk (mich juckt’s, das Wort ‚Kunstwerk‘ in dicken Gänsefüßchen zu schreiben). Die «bewusste Lenkung des Blicks» öffne die Wahrnehmung «nach außen mit seiner Ausrichtung auf Himmel, Erde und Zeit» und so weiter.

Wenn ich mir vorstelle, mit welcher Hingabe und mit welchem handwerklichen Geschick solche Ort in Japan und in vielen anderen Ländern, wo spirituelle Orte zu genau diesem Zweck gestaltet wurden und immer noch werden, fühle ich mich in den begehbaren Kunstwerken des in seinen Träumen hängenden Architekten mehr als unwohl und ich bin froh, dass ich das, was er mir durch seine Lenkung meines Blicks verschaffen möchte, sonst gerne auch ohne seine Visionen hinbekomme, nämlich dadurch, dass ich mich irgendwo in die Natur auf den Boden, einen Stein oder eine Baumwurzel setze und dort ein Weile lang sitzenbleibe.

Gruß