d15 – Ich kann auch mal anders!

Ich nehme, bevor ich die folgenden Gedanken äußere, vorweg, dass mich Antisemitismus selbstverständlich genau so abstößt wie jede andere Form von Diskriminierung, die Menschen, Menschengruppen und Völkern gegenüber ausgeübt wird. Wie könnte ich weiterhin Mensch sein, wenn das nicht meine ureigene Überzeugung wäre. Ich fühle mich allen meinen jüdischen Freunden und Freundinnen und genauso allen lebenden Menschen gegenüber zu dieser Überzeugung nicht nur verpflichtet, sondern zutiefst hingezogen.

Und nun ein erstes scharfes Wort: Herr Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank warf das Handtuch; er kündigte der documenta seine Beraterfunkion auf und wird nicht mehr zur Verfügung stehen «für die weitere Aufklärung im Zuge des Antisemitismus-Eklats», wie die Lokalzeitung heute auf der Titelseite bekanntgab. Er erlebe an der Leitung der doumenta keinen Willen zum Dialog, heißt es. Wie dramatisch für ihn die ganze Sache sei, hatte er in Kassel anläßlich des Gesprächs geäußert, zu welchem er im Namen seiner Bildungsstätte einberufen hatte. Er sei kürzlich bedroht und mit den Worten angemacht worden, man wünsche ihm, nicht heute zu leben, sondern in der Zeit der Nazis, die Juden verfolgt hätten.

Auch Ade Darmawan wies auf Übergriffe hin bei seiner Rede anlässlich der Anhörung im Bundestag. Seinen Ausführungen nach werden inzwischen Künstler und Künstlerinnen, für die ruangrupa in Kassel die Verantwortung trägt, und sogar Mitglieder des Kuratorenteams selber bedroht.

Wie kommt es, dass mit großem Bedauern Herrn Mendels Rücktritt in den Medien bedauert und einzig und anscheinend nichts als nur die Gefahr des Antisemitismus diskutiert wird? Während die Warnungen von Herrn Darmawan nicht nur ignoriert werden, sondern ihm und dem Kollektiv ruangrupa permanent Naivität, fehelnder Durchblick, Kuschen und Ähnliches vorgeworfen wird?

Statt mich weiter aufzuregen, und um nicht auch noch darauf zu sprechen zu kommen, dass mit Hito Steyerl «eine der bekanntesten Künstlerinnen der documenta fifteen ihren Rückzug» bekanntgegeben habe, nachdem Herr Mendel zurückgetreten sei, möchte ich an die allgemeine Situation erinnern, in der wir so langsam alle drinstecken. Wieder einmal ist es Dan Perjovschi und einer seiner Sprüche vor dem Fridericianum, die uns weiterhelfen in der verfahrenen Situation. Wir reiten einen Windmühlenlampf, und die Objekte, die wir bekämpfen, sind viel zu groß für den Abenteuerroman, in dem wir drin stecken:

Don Quichote kommt gar nicht mehr an seine Feinde heran, sie sind zu weit oben 🥸.

Übrigens hat Ade Darmawan in seiner Rede im Bundestagsausschuss nicht nur auf die Gefahr tätlicher Angriffe gegen ihn und andere hingewiesen, er hat auch gesagt, dass jüdische Künstler bei dieser documenta dabei seien, als solche aber nicht genannt werden wollen, weil es ihnen nicht um Länderzugehörgkeit gehe (wir sind doch schließlich nicht im Fußball – oder etwa doch). Ist Dan Perjovschi einer dieser Künstler? Wieso nicht, sein Vorname ist jedenfalls ein wunderbarer jüdischer Vorname.

Don Quichote sagt auf der Fridericianumssäule das Wort «Scheiße». Ich schließe mich ihm an und sage, dass ich die Einseitigkeit dieser neuerdings «Antisemita» genannten Debatte schlichtweg genauso finde wie Don Quichote diese Windräder, nämlich Scheiße. Wenn ich höre, dass Atomenergie seit einigen Tagen als grüne Energie durchgeht, denke ich, das wäre eine Schlagzeile wert. Stattdessen Schlagzeilen über das Ausscheiden von Herrn Mendel und Frau Steyerl.