d15 – Oh, my God my Body

Viel Show und Extravaganz ist um das queere Kollektiv FAFSWAG, imposante Klanginstallationen und gekonnt inszenierter digitaler Körperkult der höheren Art. Doch die Ästhetik stimmt und schenkt Heimatgefühle. Die in Blau gehaltene und mit Energieemblemen ausgestattete menschliche Gestalt im Landesmuseum, die auf Knopfdruck majestätisch und grazil zwischen den hinter Tablets verschanzten Besuchern schwebend im Raum erscheint, entfaltet eine Energie, die für immer in der Erinnerung bleiben wird.

Auf der Waage des Lebens gibt es in uns allen die Erinnerung an unseren leiblichen und körperlichen Ursprung, gepaart mit dem Wissen um unsere Endlichkeit in der Unendlichkeit. Diese Erinnerung und dieses Wissen tragen uns täglich durch die schweren Zeiten des Streits, des Krieges und des dümmlichen Vergessens. 

Die menschliche Gestalt in mir kraftvoll zu erinnern, ist ein Anliegen nicht nur des Kollektivs FAFSWAG, sondern auch der documenta fifteen. Die aus Aotearoa (so nennen die Maori die Insel Neuseeland) stammenden Mitglieder mit indigenem Bezug lieben das Leben, das Sich-Präsentieren, sie lieben Auftritte, Klänge, Farben, Farne, Urwälder und das pazifische Meer, ausgebreitet in vielgestaltigem Blau. Sie erinnern mich an meine seit der Jugend bestehende Sehnsucht nach dem Pazific, dessen unermessliche Wassermassen nach Herman Melville die Summe aller je von Menschen geweinten Tränen sind. 

Wenn in Kassel in einigen Tagen die Bürgersteige hochgeklappt werden und die documenta verschwunden sein wird, und wenn ich mich bei düsteren Gedanken über die in unserem Land an allen Ecken auflodernden Streitigkeiten ertappe, wird meine Sehnsucht die Erinnerung an die blaue Menschengestalt im Landesmuseum herbeibemühen und ich werde versuchen, mich meines Lebens zu erfreuen.

Gruß