d15 – Partizipation

Vieles an der Debatte um die documenta fifteen darf nicht Berichterstattung genannt werden, da die Schreibenden – und Schreienden – nicht vor Ort waren und also gar nichts zu berichten haben, weil nichts, rein nichts in ihrem Erfahrungsrucksack drin ist. Sie maßen sich Urteilsfähigkeit an, wo keine Urteilsbildung stattgefunden hat. Das Fundament, auf dem sie ihre Schlusssätze formulieren, ist auf Sand gebaut. Ihre Dekonstruktion einer vermeintlich katastrophalen, weil antisemitisch konnotierten documenta fifteen misslingt, egal wie weit sich ihre Meinungen über das Land und den Atlantik ausbreiten und inzwischen aus Übersee als Echo zurückkommen. Das Epizentrum ihrer Beiträge ist nicht Aufklärung, sondern eine blanke «kulturjournalistische Katastrophe», wie ihre ‹Bericht-Bestattung› kürzlich charakterisiert wurde.

Die Versuchung, an Worten rumzufeilen, die den entsetzlichen Verläumdern dieser «entsetzlichen Ausstellung» entsetzliche Kommentare entgegenschleudert, ist groß. Noch größer ist, jedenfall bei mir, der Drang zu erzählen, was es auf dieser documenta alles zu sehen und zu erleben gibt. Überall Angebote zu partizipieren! An Landschaften! Tieren! Pflanzen! Meeresbewohnern! Menschen und Menschengruppen! An der Schönheit dieser Welt und an ihrem  manchmal schier unermesslichen Leiden.

7 bemalte Fische mit Embryoherzen; Kollektiv Britto Arts Trust, Dokumenta Halle

Ein nur 7 Minuten dauernder Film von The Question of Funding lässt die Zeit zur Ewigkeit werden. Unerträglich fast und ohne kleinste Kompromisse, dafür mit einer großen Bandbreite möglicher Interpretationen, also verdichtete Kunst vom Besten: 

Ein Film ohne ein einziges Wort. Eine im Schneidersitz auf einer Steinterrasse sitzende Frau in Schwarz in abweisend karger palästinenischer Landschaft. Ernstes Gesicht, nicht mehr jung, noch nicht alt. Vor ihr ein auf der heißen Terrasse liegender Fang mit echten Sardinen, über denen Millionen Fliegen flirren. Ihr Summen ist das einzige Geräusch im sonst totenstillen Film. Eine rötliche Katze schleicht klanglos ins Bild, beschnuppert die Fische, geht wieder weg, ohne sich an ihnen gütlich zu tun. Die Frau näht die toten Fische mit einer dicken Nadel und dicker schwarzer Schnur zu einem Teppich zusammen. Ruhe über der Szene. Die längste Zeit wird gezeigt, wie sie näht und wie der Fischenteppich an Größe zunimmt. Auch ist es nicht einfach ein Teppich, sondern ein Kleid, ein eng anliegendes, wie zum Schluss kurz gezeigt wird. Da sieht man nämlich einen nackten Menschen, wie er sich windet. Sein Körper steckt in dem von der Frau zusammengenähten Sardinenkleid.

Ein Film des Schmerzes mit einer Ästhetik, die fürs Leben eingebrannt bleibt. Ein Film, der die Lust, im Internet nach Sardinenrezepten zu suchen, für einige Zeit im Keim erstickt. Ein Film über ein in Worten schwer bis gar nicht vermittelbares Lebensgefühl eines Volkes.