d15 – Party

Im klassisch eingerichteten Raum im Kulturbahnhof (die drei Abbildungen sind Details dort ausgestellter Werke) wird heute über ein ambitioniertes kunstgeschichtliches Thema gesprochen. Es geht um die Frage, wie mit unrechtmäßig, das heißt durch Raub und Kolonialismus erworbenen Kunstwerken umzugehen sei. Die Debatte erhebt akademische Ansprüche. Die einladenden Künstler haben angekündigt, dass sie mit Walter Benjamin und Friedrich Nietzsche argumentieren werden. Da würde ich gerne hin. Mal sehen ob ich’s schaffe.

Etwas ganz anderes findet, ebenfalls heute, in den Katakomben der Werner Hilpert Straße statt. Auch da würde ich gerne hin, darf aber nicht. Der Standort ist nur hundert Meter vom Kulturbahnhof entfernt. Zum drittenmal beginnt dort gegen Mitternacht eine Party, die bis in den Sonntag hinein dauern wird. Sie ist für BIPoC oder FLINTA*, also für Black, Indigenous, People of Colour und für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans*- und agender-Personen reserviert.

Ich denke, irgendwann einmal wird es Gespräche geben über die unterschwellige Zugehörigkeit eines jeden Menschen zu einem oder mehreren der genannten Merkmale und darüber, dass viele Männer, die heute nicht zur dieser Party dürfen, unter den hergebrachten patriarchalen Strukturen leiden und diese in der eigenen Biografie rigoros zu verwandeln versuchen. Im Moment sind solche Gespräche noch nicht möglich.

Manche schimpfen über die Exklusivität solcher Parties auf der documenta. Ich schimpfe nicht, doch mich befremdet das Gefühl, nicht hinzudürfen, nur weil ich kein schwarzer oder indigener Mann sei. Das ist gewöhnungsbedürftig. Anderen scheint es ähnlich zu gehen, doch sie ziehen andere Schlüsse daraus und meine, das sei die platte Umkehrung von kolonialen Missverhältnissen, und dies auf Kosten des weißhäutigen deutschen Steuerzahlers. Da mag was dran sein, nur, ich merke, dass dieses Gefühl einer unterschwelligen Demütigung zum Lernpaket dazugehört, das ich auf dieser documenta in meinen Rucksack gestopft bekommen habe. Wie viele Jahrunderte mussten die Vorfahren derer, die heute nacht im Keller der Werner Hilpert Straße feiern werden, genau solche Gefühle und noch ganz anderes aushalten.

Als ich zu Berenike meinte «Du dürftest da hin, Du bist eine Frau», sagte sie kurzangebunden: «Find‘ ich in Ordnung, dass ich als Frau da hindarf, und dass Du nicht hindarfst, find‘ ich auch in Ordnung.»

Gruß