d15 – Politisch, na klar

Im Durchgang zum Standort WH22 unterhalb des Kasseler Hauptbahnhofs ist linkerhand in Gesichtshöhe ein Plakat an der Wand. «Was, wenn Leute fragen: ‹Aber wo ist die Kunst›».

Unterhalb des Spruchs ist eine Hand abgebildet. Sie macht eine Faust. Bilder mit Fäusten im Namen des Volks lassen meist nichts Gutes ahnen, sie werden gemalt, wenn es um Revolution, Aufstand, Erhebung geht.

Unzufriedene sind nur am Rand der documenta fifteen zu beobachten. Bei denen, die nicht dabei waren und sich ihre Meinung einflüstern lassen. Dass sich die Kunstbesucher über fehlende Kunst aufregen, ist diesmal gar nicht der Fall. Im Gegenteil, die Besucherinnen und Besucher finden ihren je individuellen Umgang mit den fast drei Dutzend Standorten, die über einen großen Radius verteilt sind (der Deutsche Alpenverein hat den Rundgang als Wanderung empfohlen, allein der Weg durch alle Stationen sei eine Wanderung von 16 Kilometern).

Ist «the people» klüger als es die intellektuellen Haarspalter sind, die ihr gewichtiges Vedikt über die Kunstschau verhängt haben und ihre Daumen so lange nach unten halten, bis die hundert Kunsttage vorbei sind? Oder lässt sich «das Volk» einlullen durch Konsumationsmeilen? Oder durch Liegestühle an der Fulda? Durch buntfarbige riesige Sitzsofas, auf denen sie in Massen gemütlich die Seele baumeln lassen, während sie Dokus über gejagte Völker und Ethnien reinziehen?

Das alles mag auch eine Rolle spielen, wenn wir rundum Zufriedenheit wahrnehmen. Doch was vielleicht bedeutender ist: Es gibt ihn noch, den Normalverbraucher, die Zeitgenossin mit dem gesunden Menschenverstand. Und die kommen auf ihre Rechnung. Die machen keine Trennung zwischen Kunst und politischer Kunst, letztlich doch wohl eine sinnlose Trennung. Und sie machen auch keine Trennung zwischen Individuum und Kollektiv. Der Großteil von ihnen weiß, dass die jungen Menschen, die heute ihre Kreativität in die Welt setzen, unter Bedingungen leben, bei denen alles, was sie tun, auch die Kunst, politisch, oft desolat politisch ist, jeder Atemzug, jeder Griff in den Geldbeutel, jeder Gedanke an die Zukunft.

Die gegenwärtigen Kritiker und Kritikerinnen erinnern mich an Mitglieder des Igel-Schutz-Vereins. Diese nehmen ihre Arbeit für die Igel wichtiger als die Igel selbst. «Schützt den Igelschutz» lauten ihre Plakate, nicht: «Schützt die Igel».

Das heutige Kunstpublikum wäre dann der Igel und der Hase gleichzeitig, wie im Märchen. Und wer mit ihnen um die Wette rennt und das Rennen verliert, sind die Kunstfundis, die dem Kunstpublikum die Betrachtung abnehmen wollen – und selber nicht hinschauen.

Einen schönen Kunstsonntag, herzlich