d15 – Politische Kunst

Kunst sei «immer politisch», behauptet der neue Leiter der Kunsthalle Schirn in Frankfurt, Sebastian Baden. In einem Interview, das er zur documenta–Halbzeit der Kasseler Lokalzeitung HNA gab, ohne direkt auf die Ausstellung einzugehen, sprach er so, als wollte er damit zu genau dieser Ausstellung einen Schlüsselgedanken zum Ausdruck bringen: «Kunst hat eine gesellschaftliche Funktion und trägt mit ihrer Vieldeutigkeit zur sozialen und ästhetischen Kompetenz der Menschen bei. Wir erleben immer wieder, dass unsere demokratische Gesellschaft ihre Freiheiten neu aushandeln muss. Die Freiheit der Kunst ist aber im Grundgesetz verankert und gewährt einen wichtigen Gestaltungsspielraum. Ich spreche gerne von der Kulturtechnik der selbstbestimmten Kreativität – man könnte auch mit Joseph Beuys sagen: Jeder Mensch ist ein Künstler. Und damit meine ich auch die individuelle, künstlerische Mitgestaltung der Gesellschaft. Das ist eine sozialpolitische Aufgabe.»

Et voilà, da ist sie, die politische Kunst. Wir sehen einen Ausschnitt des Reflectingpoints Kohlemuseum direkt vor der Documentahalle. Es handelt sich um Kohlebriketts und Pflanzen. Die Botschaft ist klar: Kohle jetzt ins Museum, nicht erst im Jahr 2038. Wie die drei Objekte, die der Architekt Christoph Hesse aus dem Sauerland in die Karlsaue gestellt hat, ist auch sein Kohlemuseum mit einer klaren Aussage versehen. Weil Kunst immer auch auf die politische Gegenwart reagiert, würde sein Beitrag, den er in den Monaten vor der Eröffnung der documenta konzipiert hat, heute vielleicht schon ganz anders ausfallen. Etwa als Teilhabe- und Sharingprojekt: Jeder und jede kann bei einem kleinen Internet-Quiz mitmachen und die 543 Gewinner erhalten nach Beendigung der Ausstellung je eins der Briketts. Sie können es als kleinen Hausaltar ins Wohnzimmer stellen oder, sollte dieses im Winter nicht mehr heizbar sein, weil es kein Öl und kein Gas dafür gibt, direkt in den Ofen schmeißen.

Ich gebe zu, mein heutiger Versuch selbstbestimmter Kreativität ist als politischer Beitrag zur künstlerischen Mitgestaltung der Gesellschaft etwas flach ausgefallen. Morgen versuch ich’s dann wieder mit etwas mehr Poesie…

Gruß