d15 – Praktisch, quadratisch, gut

Es gibt langsam und schnell entstandene Kunst. Diese verschiedenen Vorgehensweisen sind natürlich noch keine verschiedenen Kunstrichtungen. Dennoch unterschiedet sich langsam entstandene Kunst von schnell hingeworfener so eklatant, dass sich wie zwei verschiedene Welten offenbaren. Ein Architektenfreund sagte mir einmal, Architektur, die mit genügend Zeit gemacht werde, sei grundsätzlich besser als Architektur, die unter Zeitdruck entstehe. Leuchtet ein – und gilt für jedwede Kunst!

Das ist eins der noch verpackten, bereits in der Orangerie von der Spedition hingestellten Kunstwerke des Architekten und Künstlers Christoph Hesse. Drei seiner Skulpturen werden in der Aue stehen, die vierte Arbeit wird in diesen Tagen gebaut und steht vor der Documenta-Halle. Während Hesse sonst durch hohe Präzision besticht, scheinen die Werke, die er zur documenta fifteen bauen lässt (und nicht selber baut), im Schnellverfahren konzipiert und hergestellt worden zu sein. Die vier Massivholzblöcke in der Orangerie, von denen oben zwei noch in Folie abgebildet sind, wirken wie Lieferpaletten mit Kaminholz für den Privatgebrauch. In der Nähe, wo sie endgültig abgestellt werden, stand während der documenta 14 eine aufwendige, handwerklich äußerst exakt gefertigte und von der Konzeption her hochkomplizierte Holzbalkenskulptur des Künstlers Olaf Holzapfel. Im Vergleich zu Hesse scheint er (ich weiß es nicht, ich unke nur) die nötige Zeit gehabt oder sich genommen zu haben, die es braucht für gute Kunst.

Ich plauderte gestern mit einem Assistenten von Christoph Hesse, der den Aufbau des aus Kohlebriketts gefertigen begehbaren Kubus vor der Dokumentahalle betreut. Er meinte, die Briketts seien nicht so schön auf Linie zu kriegen wie sie sich das im Büro vorgestellt hätten. Als ich fragte, was denn der Chef tun werde, wenn er mit der ästhetischen Erscheinung seines Kunstwerks nicht zufrieden sei. Da meinte er, der Chef müsste mit dem Endergebnis zufrieden sein, da könne im Nachheinein nichts mehr verbessert werden.

Von meinen Architektenfreunden weiß ich, wie unglücklich sie in so einem Fall sind. Und ich verstehe nun auch, warum sie nicht selten auf der Baustelle stehen und mit dem Bauleiter und der Bauherrin streiten. Sie streiten, weil sie das optimale Produkt sehen wollen.

Mir ist klar, dass Vergleiche unglücklich machen und gerade in der Kunst wenig oder gar nicht hilfreich sind. Sie sind es sonst im Leben auch nicht. Mir ist auch klar, dass die documenta fifteen ihre Tore erst öffnen und Kritik frühestens dann sinnvoll und möglich sein wird. Dennoch hatte ich auf meinem letzten Gang über die Standorte den Eindruck, dass zu viel auf «praktisch, qaudratisch, gut» (Ritterschokolade) gemacht wird dass vielleicht an zu vielen Orten die Zeit für Reifungsprozesse fehlte oder zu knapp bemessen war. Etwas davon sieht man dann halt auch den Kunstwerken an.