d15 – Pressekonferenz

Anlässlich der heutigen Pressekonferenz im Auesportstadion in Kassel hingen vier puristische Tafeln über dem Eingang. Auf der Schrifttafel links über dem Eingang ein einfaches Diagramm, oben ein Punkt A) und eine direkte Linie zu Punkt B), darunter der gleiche Ausgangs- und Endpunkt, doch statt A) stand lumbung und statt B) documenta. Und statt einer Direttissima war eine Art Knäuel in Richtung Ziel abgebildet.

Auf der Tafel rechts über dem Eingang stand: «Was können wir der Möglichkeit nach tun mit kollektiven Ressourcen?» Es gab nur diese zwei Tafeln, alles, was es sonst an Bannern und Informationen bei solchen Kongressen und Symposien oder Biennalen so gibt, fehlte.

Neben jeder der oben genannten zwei Tafeln gab es eine buntfarbene Tafel mit ineinanderlaufenden Händen. Diese vier Tafeln, sonst nichts.

Das klingt nach wenig Message und viel Vertrauen in Prozesse, menschliche Hände und Ressourcennutzung, kurz, das klingt nach einem einfachen Programm. Die Pressekonferenz selbst bestätigte diesen Eindruck. «Make Friends not Art», ist die Botschaft von ruangrupa, dem Kuratorenteam der documenta fifteen. Während das Transparent «Make Art not War» an der Fassade des Hauptbahnhofs gegen Krieg mobilisiert, scheint der ruangrupa-Slogan gegen die Kunst selbst anzukämpfen. Das ist gewöhnungsbedürftig. Das Kuratorenteam bekennt sich zu Prozessen und nicht zu Kunstwerken, die in Räumen ausgestellt werden. Kunst müsse im Leben aufgehen, das wird weniger theoretisch begründet als vielmehr mit großer Energie gelebt. «Unser kuratorischer Ansatz zielt auf ein anders geartetes, gemeinschaftlich ausgerichtetes Modell der Ressourcennutzung – ökonomisch, aber auch im Hinblick auf Ideen, Wissen, Programm und Innovationen,» kann das Credo des documenta-Teams in der Pressemappe nachgelesen werden. Von Kunst und Ästhetik keine Rede.

Dafür hörte ich heute viel von Vernetzung, von kollektiven Entscheidungen und von Synergien zwischen Menschen, die vor Ort miteinander gestalten und die Stadt verwandeln und über die hundert documenta-Tage hinaus global wirken wollen.

Auf dem Bild applaudiert ruangrupa den vielen Freundinnen und Freunden auf der Tribüne zu, die aus Kassel und der Region und aus der ganzen Welt hier zusammengekommen sind und schon längst zum gigatnischen documenta-Netzwerk dazu gehören. Die Macher auf der Bühne bedanken sich also bei den Machern im Publikum. Während in den Vorbereitungen zu Beginn der documenta fifteen von einigen hundert teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern die Rede war, ist inzwischen von mehr als 1.500 die Rede. Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter belaufe sich auf insgesamt über 5.000 Menschen.

Helfer_innen und Kollektive im Publikum, denen ruangrupa stehend mit Applaus dankt

Ich erlebte die documenta-Verantwortlichen auf der Bühne zurückhaltend, konzentriert und überaus sympathisch. Die ruangrupas sind so etwas wie menschliche Bienenköniginnen. Jeder und jede von ihnen hat sich vor Ort ein großes Netzwerk geschaffen, das selber arbeitet, dabei aber zentral auf die jeweilige ruangrupa-Figur bezogen bleibt. Auch die Wärme, die von den einzelnen Personen ausgeht, erinnert an ein schwärmendes Bienengeschehen. Die Botschaft dieser sonnen- und lebenszugewandten documenta-Community ist klar: Der bisher generierte Honig soll ab dem kommenden Samstag mit der Welt geteilt werden. Darüber hinaus soll in den kommenden hundert Tagen noch viel neuer Honig hinzukommen, teilweise mit dem Besucherpublikum zusammen, und auch der neu hinzugewonnene Honig soll wieder geteilt werden.