d15 – Quantitätsfalle

Die documenta fifteen leidet unter einem Wissens-Überangebot. Sollte das ein allgemeines Problem dieser documenta sein, was ich vermute, dann ist die Idee der «Gudskul», der guten Schule, wie das Fridericianum während hundert Tagen heißt, eine schlechte Idee. Als ich mich am Standort Hafenstraße auf Etage 3 zurechtzufinden trachtete, steckte ich in der «Quantitätsfalle». Das ist ein unangenehmes Gefül und hat was von Schule im alten Stil.

Wo ich auch hinschaue: Papier, Bildschirme, Kollektive aus der ganzen Welt, alle damit beschäftigt, Knowledge zu akkumulieren und mir, dem Betrachter, unter die Nase zu reiben. Wie die fleißigen Bienen haben sie gesammelt. Überall brandet mir das Wort «Knowledge» entgegen, geteiltes und gedrucktes, gemailtes, kompostiertes, auf der Lumbung-Press in der documenta-Halle vervielfältigtes Knowledge, vorgezogenes, schnell kommuniziertes, rubriziertes, archiviertes, überall mit Intentionen behaftetes Wissen. So viel versammeltes Wissen, dass Giovanni langsam nicht mehr Bescheid weiß.

Und die stupenden Aneinanderreihungen grünen, unverdauten Wissens wird dann wie wild «ge-harvestet», sprich geerntet. «Harvesting» ist ein weiteres Lieblingswort der gegenwärtigen documenta und belastet ebenfalls meine begrenzten Möglichkeiten von Wissensaufnahme.

Wenn Wörter wie «Knowledge» oder «Harvesting» in der Quantitästfalle feststecken, wird das, was ich weiß, nicht nur unsinnlich, sondern sinnlos. Und nur weil mir so viel Unsinnliches begegnet, habe ich deshalb noch lange keinen Zugang zum «Übersinnlichen». Die zugemutete Quantität produziert dort, wo sinnliche Praxis hingehört, ein gähnendes Loch.

Die Fülle an dauernd wiederholten Wörtern sät letztendlich Misstrauen. Fragen kommen auf. Etwa die folgende: Haben die sonst nichts auf dem Kasten? Können die nur ihr kollektiv geteiltes Wissen akkumulieren? Glauben diese Leute, sie würden mit der Welt im Dialog sein? Wenn sie sich um so viele Gedanken und Gedankenverwandlungen (Knowledge-Composting) bemühen, wieso müssen sie diese Prozesse durchs Band in gedruckten, an die Wände gepinnten oder in PCs archivierten Worten wiedergeben? Können sie es nicht anders visualisieren – oder wollen sie nicht?

Wenn ich in den Filmen, die auf der documenta zu sehen sind, Schulen, Lehrer, Schüler sehe, sind das in der Regel heitere Szenen. Die Kinder in anderen Ländern lernen anscheinend gerne, so jedenfalls lese ich die Botschaft der entsprechenden Filmstreifen. Möge es so sein! Sollen diese Kinder glücklich sein in ihren Schulen. Mir hingegen, der ich andere Schulerfahrungen habe, sträubt sich ob dieser unverdaubaren Masse an abstrakten Wörtern das Nackenhaar. Deshalb bin ich heute ziemlich flott aus der obersten Etage in der Hafenstraße in die Austellungsräume darunter geflüchtet.

Ob damit das letzte Wort zu dieser Etage gesprochen sei, wird sich zeigen. Mein nächster Besuch vor Ort hat hoffentlich das Potential, den hier geschilderten Eindruck zu relativieren.

Gruß,