d15 – Verheerend einseitig? Oder schlichtweg ok?!

Die beiden winken sich zu, links Ali Farka Touré, rechts Shabu Mwangi. Bei der documenta 14 war der Eingangsbereich der documenta-Halle von einer Hommage an den kurz zuvor verstorbenen Ali Farka Touré ausgefüllt. Kleider von ihm, Requisiten, Filme, Musik, eine Vitrine mit seinen Awards, die er für seine Weltmusik-Einspielungen bekommen hatte, eine Breitseite Mali von der besten Seite war das.

Die Macher der damaligen Räume gaben den Staffelstab an Wajukuu aus Kenia weiter. Auf der exakt gleichen Ausstellungsfläche werden wiederum nur lauter schwarze Menschen geehrt. Ein Unterschied zwischen 2017 und 2022 gibt es einzig bei der Berühmtheit der Ausgestellten. Der Musiker Farka Touré war weltbekannt, bei Shabu Mwangi und seine Kollegen sieht das gründlich anders aus, diese Künstler kannte in der nördlich-westlichen Heimsphäre bis Juni 2022 kein Mensch. Typisch d15.

Gar kein Unterschied besteht in Bezug auf die Hautfarbe. Ob Exoten (exotic) wie der aus dem Nichts zu Weltruhm aufgestiegene Musiker Ali Farka Touré aus Mail, oder Erschöpfte (exhausted) wie Shabu Mwangi aus einem Slum in Nairobi mit seinem melancholischen Gesicht (und einer genauso melancholischen Stimme), hier wie dort leistungsfähige Kunstmacher aus Afrika. Für sie interessiert sich der Westen inzwischen weit mehr als für gleich leistungsstarke weiße Künstler. Die findest du auf dieser documenta nur noch als Publikum, als zahlende Masse, als dialogunfähige Konsumenten, Ticketzahler, Steuerzahler, als Verantwortliche im Orga-Team, damit die gigantische Logistik der Weltschau auch funktioniert.

Verheerend, wie der Kunstmarkt heute total unterbindet, was er gestern komplett einseitig zelebrierte. Früher war die Kunst und Kunstrezeption in unseren Breitengraden ein Inzuchtbetrieb. Es gab nur und ausschließlich Männer mit weißer Hautfarbe als Künstler in Museen zu sehen. Dieses quantitative Übermaß hat sich längst nicht nur relativiert, sondern ins Gegenteil verkehrt. Ist das schlimm? Verheerend? Oder vorerst mal ganz schön ok?!

A propos, was alles auf dieser documenta funktioniert und was nicht: War gestern mit Berenike und einem kunstinteressierten Paar aus der Nachbarschaft auf Kunst-Aneigungs-Tour. Als wir abends um 20:00 gerädert aus den Räumen der Hafenstraße gespült wurden, kam ich auf die Idee, unseren Freunden eine Überraschung zu bieten. Ich bestellte eine Droschke (🤣) bei Minicar. Was das Paar nicht wusste: *FoundationClass*Collectives aus Berlin hat sich des Unternehmens angenommen, das, genau wie die Mitglieder des Kollektivs, Migrationshintergrund hat und deshalb per se documenta-würdig ist. Also, so meine Idee, wir fahren jetzt im Minicar-documenta-Taxi im schönsten Abendlicht gemütlich durch die Stadt nach Hause. 

Als die schwarze Limousine von Minicar in der Hafenstraße einfuhr, erklärte ich dem Fahrer erstens, wir hätten ihn als Teil der documenta bestellt, lachte glücklich und fragte zweitens nach der Soundinstallation des *FoundationClass*Collectives, das die Minicarfahrer auf Verlangen reinschieben, damit die Fahrgäste die Stadt mal ganz anders kennenlernen, wie im documenta-Führer nachzulesen. Halit Yozgat, der in Kassel vom rechtsterroristischen NSU ermordet worden und dessen Todesstunde auf der vergangenen documenta eine atemberaubende Installation gewidmet gewesen war (Forensic Architecture schlüsselten den Fall im Kontext der Documenta 2017 detailliert auf), hätten diese Fahrer alle gekannt. Und jetzt fahren wir also in einem documenta-Minicar nach Hause, geil.

Unser Fahrer wusste nichts über sein Glück, Teil der documenta zu sein. Es gebe verschiedene Minicar-Unternehmen in Kassel, gelbe, schwarze, silbrige. Deshalb. Wir waren also im falschen Taxi? Beziehungsweise Minicar? Bingo. Wieso steht dazu nichts im documenta-Führer?!

Aussteigen gab es jetzt nicht mehr. Die Fahrt war unterhaltsam, der Fahrer erzählte uns von seinem Haus und seinen Söhnen und dem «Wunderkind», der einzigen Tochter, die jüngste in der Familie. Und er sei zwar Türke, in der Türkei allerdings fremd. Seine Heimat sei Deutschland, genauer: Kassel. Wie schön, dachte ich. Und wollte sagen, das sei bei mir ganz ähnlich, ich sei nämlich… – aber das interessierte ihn nicht.

Weder dachte ich bisher, noch denke ich jetzt, wo ich das niederschreibe, daran, bei der documenta-Verwaltung Schadenersatz für diese ganz normale Taxifahrt zu verlangen, da hat ruangrupa denn doch Wichtigeres zu tun.

Gruß