d15 – Reis-Zähne, nicht Reiß-Zähne

Wenn es um ihre Selbstdarstellung geht, lassen sich die Mitglieder von Taring Padi gern mit erhobenen Fäusten fotografieren. Seit dem Abbau des Banners „People’s Justice“ sind sie mit kämpferischen Attitüden vorsichtiger geworden. Sie sind, wie sie selbst bekennen, unglücklich über ihre Rolle als Spielverderber. Das sind sie in der breiten Öffentlichkeit eindeutig, denn durch dieses Kollektiv wurde das effusive Magmageschehen rund um die Antisemitismusfrage zur nicht mehr enden wollenden Vulkanexplosion.

«Taring Padi» heißt übersetzt «Reis-Fangzähne», damit sind die Spitzen eines ungeschälten Reiskorns gemeint. Reis-Zähne sind essbar, unsere Organe können sie verdauen und von einem Zustand in einen anderen Zustand überführen. Das ist etwas anderes als Reiß-Zähne. Die sind unverwandelbare Fremdkörper mit Tendenz zur Zerstörung. Und genau als solche werden die Leute von Taring Padi seit dem 22. Juni eingeordnet, dem Tag, als man sie der antisemitischen Bildsprache bezichtigte.

Mir geht es mit Taring Padi anders. Sie gehören in die gleiche Kategorie wie ruangrupa, das Kuratorenteam. Sie haben eine Schulung hinter sich, wie sie in oben abgebildetem Banner, das am documenta-Standort Hafenstraße hängt, formuliert ist. runagrupa hat gerade eben in einem Interview, das die SZ mit ihnen geführt hat, ihre Standfestigkeit in diesen Dingen bewiesen. Sie redeten nicht nur von Lernprozessen, sondern zeigten im Verlauf des Interviews, wie Lernen geht. Auf die Fragen gingen sie einfühlsam, bedacht, inklusiv, kooperativ ein. Überall die nötige Resilienz, Geschmeidigkeit und Geistesgegenwart, auch bei Fragen, die sie in die Enge zu drängen versuchten.

Überhaupt: Diese Fragen! Ich habe sie als fast durchgehend suggestiv erlebt. Fragen des Lehrers, der so fragt, dass er die von ihm intendierte Antwort erhält. Subkutan enthielten fast alle Fragen Vorwurf, Meinung, Urteil – und selbstveständlich alles nicht wohlwollend, im Gegenteil.

Ich konnte von ruangrupa lernen, wie man in solchen Situationen offen und menschlich bleibt. Farid Rakun sagte am Schluss des Spießruten-Interviews: «Wir haben keinen Zweifel, dass das, was wir machen, wertvoll und hilfreich ist.» – Ja, ihre Worte waren hilfreich, auch in diesem auf Verriss angelegten SZ-Gespräch.