d15 – Rosenkreutzer

Über den documenta-Standort St. Kunigundis wird viel geschrieben. Und meist werden als Abbildungen dazu die Penismänner genommen, die die Besucher im freigestellten Kirchenschiff lustvoll empfangen.

Nicht nur ihretwegen, sondern überhaupt wegen dieser Ausstellung von Voodoo-Künstlern in seiner Kirche hatte Pfarrer Martin Gies im Vorfeld der Ausstellungseröffnung Probleme mit manchen Mitgliedern aus seiner Gemeinde. Doch die katholische Kirche ist inzwischen wohl toleranter als es Politik und Medien sind.

Trotz der Penisungetüme und trotz der Gewöhnungsbedürftigkeit dieses Popgesichts mit Plastikschläuchen als Körper, dieses Heiligen Georg mit Babygesicht und dieses weiß eingehüllten Skeletts vor dem Altar ist die Kirche offen und die kritische Gemeinde mit Pfarrer Gies und den karibischen Künstlern verbunden geblieben. Hut ab. Frau Dorn und Frau Roth können dazulernen, nicht wahr.

Was bisher in keinem der begeisterten Artikel zu diesem Künstlerkollektik aus Haiti abgebildet oder erwähnt worden ist, ist einem Rosenkreutzer – es gibt sie selbstverständlich noch – aufgefallen. Er lenkte seine Schritte in der Apsis der Kirche hinter diese Wand

und entdeckte dahinter einen vom Kirchenschiff aus unentdeckbaren Stuhl:

Elf silberne Kugeln und eine goldene. Der Stuhl katapultierte mich, als ich ihn sah, in die 1970er und 1980er Jahre zurück, als Joseph Beuys seine Fettstühle ins Museum trug. Übrigens, am Stuhlbein vorne rechts ist ein Doppelender-Kristall zu entdecken, ein selten schönes Exemplar! Herrlich. Erinnert auch an Beuys, und natürlich auch an Moritz den Gelehrten, den Hessischen Landgrafen um 1600, der Kassel nicht nur mit den Rosenkreutzern verband, sondern der auch alchemistische Experimente betrieb. Landgraf Moritz, der Voodoomann.

Und dann: Diese Symbolik der Kugeln, 11:1, fast wie beim Rapper Cro. Doch damit nicht genug, die goldene Kugel liegt auch noch auf einem goldenen Fünfstern, dem Pentagramm, mit dem nicht nur der Teufel vertrieben, sondern auch die Geistige Welt herunter auf die Erde gebeten werden kann.

Die documenta fifteen ist nicht nur politisch wie keine documenta davor. Und sie ist auch spirituell wie kaum eine der vergangenen Ausstellungen. Und dies dank materiell armer, geistig schwerreicher Künstler aus der Karibik.

Gruß