d15 – ruangrupa

ruangrupa, Indonesien, zur Zeit Kassel

Eigenartig, von ruangrupa ist fast gar nicht die Rede, weder in Bezug auf die Streitereien rund um diese documenta noch sonst. Aber, Moment, da besteht doch ein Zusammenhang: Weil so viel rund um die documenta gestritten wird über ein Thema, das so viel Raum einnimmt, dass für nichts anderes mehr Platz bleibt, deshalb ist von den Kuratorinnen und Kuratioren nicht mehr die Rede.

Versteckt sich dahinter eine Absicht? Wenn so geredet («geredet» ist gut!) wird, wie es Politiker und Medien seit Wochen tun, dann wird ein innerdeutscher, innereuropäischer, von der westlichen Kultur geprägter Diskurs weitergeführt. Das könnte durchaus die Absicht sein. In dieser Art des Diskurses, der Debatten, des Zwietrachtsäens kennen sich die Vertreterinnen und Vertreter dieser Kultur aus.

Würden sie von den Diskursen reden müssen, die ruangrupa nach Kassel mitgebracht hat und nun nicht zur Entfaltung bringen kann, müssten diese Kulturen (Kulturen» ist auch nicht schlecht!) sich auf ihre christlichen Werte besinnen, von denen sie sich orbitweit entfernt haben in den letzten Jahrhunderten. Sie müssten sich über urchristliche Werte wie Vertrauen, Gleichheit, Naturverbundenheit, Großherzigkeit, Lebensfreude und dergleichen verständigen. Sie müssten sich gegenseitig großzügig und vertrauensvoll behandeln, müssten hinlauschen zum Gegenüber, müssten Meinungen teilen und diese auf einer höheren Ebene des Einvernehmens auf neue Ziele hinführen, müssten sich entschuldigen und sich Glauben schenken können.

Ich schreibe «müssten». Ja, sie müssten. Bei anderen Kulturen könnte ich natürlich sagen, sie dürften, denn mit solchen Werten, wie sie ruangrupa auf dieser documenta mit uns austauschen wollte und weiterhin will, würden wir nicht mehr so viel Zwang gegeneinander ausüben und überall das «müssen» mit dem «dürfen» verwechseln. Denn recht eigentlich ist es doch eine wunderbare Sache, wenn wir uns gegenseitig großzügig und vertrauensvoll begegnen dürfen, hinlauschen dürfen zum Gegenüber, Meinungen austauschen dürfen und gemeinsam auf neue Ziele hinarbeiten und uns entschuldigen und uns gegenseitig Glauben schenken dürfen.