d15 – Wie beim Samstagsputz

In der letzten Woche der documenta fifteen geht es zu wie in Schwaben am Samstag, wo vor der Haustüre gekehrt wird. Schon länger wurde mit der Idee geworben, ab nächster Woche sollten Privatleute möglichst alles von den Aufbauten, Baustoffen und Einrichtungsgegenständen recyclen, was an den einzelnen Standorten nicht mehr gebraucht wird. Wir dürfen damit rechnen, dass von der diesjährigen documenta bald alle Spuren in der Stadt ausgelöscht sein werden. Noch viel mehr aber dürfen wir mit der Tatsache rechnen, dass Fragen zurückbleiben, allerdings nicht als Fragen, sondern leider als Vorwürfe, auf die Antworten im Raum stehen (und die Luft verpesten), noch bevor echte Fragen überhaupt gestellt werden konnten.

Wo in diesen Tagen im ruru-Haus noch große Kultur- und Kunstgespräche geführt werden, soll nach Ende der documenta ein Impfzentrum entstehen. Was für Kontraste für uns, die wir in Kassel bleiben. Noch verrückter, die Grünen machen Kasseler Kunstpolitik und wollen die Zukunft der documenta reformieren. Sie scheinen an die Sache so heranzugehen, als funktioniere Kunst wie eine Pipeline, deren Inhalt man gedrosselt, gesteigert oder gar nicht durchlassen kann, ganz nach der Parole des jeweiligen Tages. Dass mit Kunst anders umzugehen sei als mit Gas oder Öl, das scheinen manche von den Reformatorinnen und Reformatoren noch lernen zu müssen.

Schon während der laufenden documenta ist weggeräumt worden, was nur weggeräumt werden konnte. Wo im Sommer noch ein freches Grafitti von Unbekannt auf einer Mauer unterhalb der documenta-Halle prangte, lachen längst wieder parteilose, von der Schrift gereinigte Steine den Spaziergängern und Radlerinnen entgegen. 

Mauer unterhalt der documenta-Halle während und nach der documenta fifteen

Einige der auf der Mauer nicht mehr anzutreffenden, aber deshalb nicht vergessenen Fragen können nun in der Vergangenheitsform gestellt werden: Was hat der neue Interimsgeschäftsführer Alexander Farenholtz anders gemacht als die abgesetzte Geschäftsführerin Sabine Schormann? Welche Rolle spielte Ministerin Claudia Roth? Und was tat die Kuratorin Emily Dische-Becker, die die Koordination eines fünfköpfigen Beraterteams übernehmen sollte – und warum?

Ja, warum?! Warum nur ist das alles so geschehen, wie es geschah? Warum wurden wichtige Dinge leider so gemacht und leider nicht anders. Und warum, ja warum eigentlich ist der Name der hessischen Kunstministerin Angela Dorn nicht mehr in den Medien aufgetaucht? Warum stand er weder auf dieser Wand noch ist er sonst in letzter Zeit genannt worden? Glaubt etwa jemand, sie habe nicht weitergemacht? Im Hintergrund? Gehört sie last but not least zu denen, die lernen müssen, was der Unterschied zwischen Pipelines und Kunstprozessen ist? Wird sie eine Totengräberin der Kunstfreiheit? Oder wird sie in absehbarer Zeit eine jener gefeierten Kunstamazonen sein, die nach der documenta 2027 in der Liste der Rettereinnen der documenta einen unsterblichen Platz gefunden haben werden?

Gruß