d15 – Schluss mit «Genieästhetik»

Die Zeit der Egos sei vorbei, nun seien die Kollektive dran, hören wir die Lumung-Künstler fuldaaufwärts und fuldaabwärts raunen. Egotrips von Superstars der Kunstszene sind uncool, finden sie. In lumbung spiele das Individuelle keine Rolle, Individualismus bewirke schlichtweg nichts.

ch glaube, dass das, was hier auszudrücken versucht wird, nicht mal für Indonesien zutrifft. Für die Kunstszene trifft es jedenfalls ganz bestimmt nicht zu.

Doch solche Mantras hören wir im Umfeld dieser documenta in gebetmühlenartigen Wiederholungen. Sie gipfeln in Statements wie dem folgenden: «Ruangrupa will die documenta vom Kopf auf die Füße stellen.» Der Satz wird nicht O-Ton ruangrupa sein, wird ihnen aber in den Mund gelegt. Das Individuum wäre dann der Kopf, der falsche, der Wasserkopf der Geschichte – und die Kollektive würde die Geschichte dann wieder auf die Füße stellen.

So grundsätzlich zu sprechen passt weder zu ruangrupa noch zur documenta fifteen. Karl Marx habe Hegels Staatsrechtsphilosophie „vom Kopf auf die Füße gestellt“, belehrt uns die Philosophie. Nun, die Philosophie hat  schon immer die Tendenz gezeigt, großmaulige Thesen in den Raum zu stellen. Spätere Denker haben dann die Ideen von Marx vom Kopf auf die Füße gestellt und immer so weiter. Im sandigen Getriebe der Menschheitsentwicklung wurde immer neu versucht, die herrschenden Zustände vom Kopf auf die Füße zu stellen und umgekehrt. Verändert, gar entwickelt haben sich die Dinge deshalb noch lange nicht.

Mein philosophischer Schluss daraus: Wenn das so weitergeht, geht es so nicht mehr weiter.

Und Die Frage, die ich mitbringe, lautet: Ist ruangrupa nicht auf einem ganz anderen Gebiet zukunftsweisend, nämlich beim Thema ‹Zweigliederung des sozialen Organismus›? Ja, sicher: Zweigliederung, ncht Dreigliederung – die ist vor gut hundert Jahren so kläglich gescheitert, dass sie nie wieder zum Motor der Menschheitswerdung werden kann. Was ich mit dem Zweigliederungsgedanken bei ruangrupa meine, ist dies: ruangrupa lebt uns die Verbindung von Kollektiv und Individuum vor, von gemeinsamem Wirtschaften bei gleichzeitig frei gegründetem Denken. Das Rechtsleben scheint sie nicht zu interessieren, vielmehr erheben sie es in die Schwebe und kümmern sich wenig bis gar nicht darum. Sie brauchen im Hintergrund keine Paragrafen für den Ernstfall.

Leben braucht keine Versicherungen. Das uns Menschen einende Rückgrat ist das Vertrauen in unseren Menschenverstand. Soviel habe ich verstanden von lumbung, es basiert laut ruangrupa «auf Werten wie lokaler Verankerung, Humor, Großzügigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Genügsamkeit und Regeneration. Das Praktizieren von lumbung ermöglicht eine alternative Ökonomie der Kollektivität, des gemeinsamen Ressourcenaufbaus und der gerechten Verteilung.» Das ist die wirkliche Dialektik des Lebens.