d15 – Schneewittchen

Schneewittchen ist die Schönste. Das wissen alle, auch die Königin. Doch sie will es nicht glauben. Sie hält sich für die Wichtigste im Lande, die Maßgeblichste, mächtiger noch als der König. Deshalb ist ihr Schneewittchen ein Dorn in Aug‘ und Seele. Nun nutzt sie ihre Macht und schreitet zur Tat.

Erinnert der gläserne Sarg im Märchen an das Bild des Gläsernen Bürgers von heute? Will die Königin nicht komplett über das bescheidene, mit sich und der Mehr-Als-Menschlichen-Welt verbundene Schneewittchen verfügen? Und der vergiftete Apfel, symbolisiert er das marode Königreich, das sich augenfällig schön zu präsentieren versteht, doch voller Gifte ist?

Schneewittchen hat sich längst umorientiert und dem Leben eine neue Richtung gegeben. Es lebt in einem Kollektiv. Zusammen mit den Zwergen wirkt und lebt es beyond the State. Die Königin hat keinen Zugriff mehr auf diesen Lebenszusammenhang. Das macht ihr großen Stress. Deshalb versucht sie rigoros durchzugreifen. Doch die königliche Staatsmacht hat im Märchen das Nachsehen und das Zwergenkollektiv, Schneewittchen und der junge Prinz solidarisieren sich und gestalten gemeinsam die Zukunft. Die alte Königin tritt durch einen schmählichen unnatürlichen Tod ab.

Dieses Banner (Standort Hafenstraße) drückt die Sehnsucht vieler Kollektivmitglieder aus, die auf dieser documenta auftreten. Sie wollen als Individuen wahrgenommen und entsprechend gewürdigt werden. Was manche von ihnen tun, ist schön wie Schneewittchen. Anders als die Königin, leben sie Werte wie Bescheidenheit, Zurückhaltung, Verzicht. Sie suchen lebensverträgliche Lösungen und führen ein zufriedenes, abgeschiedenes, mit anderen geteiltes gutes Leben. Nicht alle vielleicht, denn wieso soll es nicht auch innerhalb von Kollektiven menscheln, doch manche, wenn nicht viele dieser Menschen führen ein solches Leben.

Und weil die Zeit der (Grimmschen) Märchen vorbei ist, melden sich die Zwerge und Schnewittchen inzwischen zu Wort und verlangen wahrgenommen zu werden.

Gruß