d15 – Schnellschüsse

Schnellschüsse in der Kunst sind das Ende der Kunst. Doch wer entscheidet, was die nötige Zeit und den nötigen handwerklichen Schliff hat, um Kunstwerk genannt werden zu dürfen? Das ist eine heikle Frage, die meist sehr kontrovers beantwortet wird, gerade auch auf dieser documenta fifteen.

Das ist die Abbildung eines Kunstwerks des im Sauerland lebenden Architekten Christoph Hesse. Eine tote Fichte, 125 Jahre alt geworden, von seiner Urgroßmutter Maria im Sauerland Ende des 19. Jahrhunderts gepflanzt, abgeastet und in sechs Teile zerlegt und für die documenta in der Aue aufgebaut zwischen lauter großen Laubbäumen, die kraftvoll in die grüne Landschaft schauen. Das Fichtenmausoleum wird zum Mahnmal für des Sterben in der Natur. Zwischen die Stämme ist der Umriss einer menschlichen Figur in den Boden eingelegt. Wer sich in der Nähe dieser Figur hinstellt oder hinsetzt, hört unter sich das künstlich erzeugte Rauschen eines Wassers.

Das eher unästhetische Werk korrespondiert mit dem Kunstwerk in einem der Gewächshäuser, ebenfalls in der Karlsaue. Dort ruhen in einem zur Wüste umfunktionierten Gewächshaus (das von lauter grün blühenden anderen Gewächshäusern umgeben ist) weitere tote Fichtenstämme, als Stapel übereinander gelegt und durch Klammern zusammengehalten, aufgeheizt durch die Sonne im Gewächshaus. Jeder dieser Stämme ist mit unenedlich vielen Borkenkäfern befallen, die die künstlich erzeugte Hitze nutzen, um sich exponentiell zu vermehren. Man hört sie, über eine Audioanlage akkustisch verstärkt, ins Ohr der Besucher dringen. Das Gewächshaus funktioniert wie ein Wink des Todes aus der Zukunft. Es zeigt ein Szenario, das wir noch immer verdrängen, wo es doch immer eindeutiger überall als unsere zunehmende Gegenwart erkannt wird. Der Architekt Hesse sagt der Nachwelt mit dem aus dem Sauerland mitgebrachten Totholz, dass das Erbe unserer Ahnen nicht ewig weiterblüht, sondern in den Tod übergeht.

Während wir in brütender Hitze von dem wenig erbaulichen toten Säulengebilde wieder langsam an einem der Wasserkanäle zurückwandern in Richtung Orangerie, sehen wir an mehreren Orten, wie die Parkpfleger mit Stromgeneratoren riesige Wassermassen aus dem Teich saugen und damit die großen, herrlich grün strahlenden Bäume, die uns einen so liebreichen Schatten spenden, bewässern, hier eine gigantische, uralte Traubeneiche: