d15 – «Flexen»

Bei dieser documenta lernen wir die flexenden Frauen kennen, gleich ob es sich um Begriffe handelt oder um Kunstwerke.

Flexen 1): Nach langem Schweigen hat nun die Germanistin und Kulturmanagerin

Sabine Schormann (Bild) das Wort ergriffen. Die Generaldirektorin der documenta und des Museums Fridericianum hat Position bezogen und ausführlich erklärt, dass sie – entgegen bissigen Vorwürfen, die das Gegenteil in Umlauf gebracht haben – durchaus Gremien an der Hand habe und mit ihnen im Austausch sei, um gründlich eintaxieren zu können, was auf der documenta ausgestellt werde. Sie flexte die Spießruten aus dem Weg, zwischen denen man sie erledigen wollte, und erklärte, sie habe, zusammen mit dem documenta archiv, das nötige «Netzwerk aus externem Berater*innen aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen aufgebaut, das den Kurator*innen und Künstler*innen zur Seite steht. Darunter finden sich renommierte Fachwissenschaftler*innen, die ihre Arbeit wie in der Wissenschaft üblich primär außerhalb der Öffentlichkeit ausführen. Begleitend dazu werden Ergebnisse und vertiefende Fragestellungen in weiteren Podien diskutiert.»

Was will die Kunstwelt mehr als ein solches Netzwerk? Die Politikerinnen und Politiker sollten Frau Schormann vertrauen (denn sie, die Politikerinnen und Politiker, die die Kunst nie auf ihren Agenden gehabt haben, sollten zurückhaltender sein als sie es sind, wenn es um die Kunst der Kunstauslegung geht, die zu beurteilen sie nicht in der Lage sind) und durchatmen endlich mal kleinere Brötchen backen.

Flexen war bisher ein Männergeschäft, wie das Schienenlegen beim Bau von Eisenbahnnetzen oder der Untertagbau. Nun haben sich auch Frauen das Flexen zueigen gemacht. Sie trennen rigoros, was zu Begriffs- und anderen Konglomeraten verbacken ist, und trennen, was auseinanderzuhalten dringend nötig ist.

 

Flexen 2): Zuoberst im Zwehrenturm im Fridericianum ist die Romakünstlerin Selma Selman ausgestellt, die Autobleche und Automotoren mit der Flex auseiandersägt und die getrennten Teile ins Museum stellt. Sie selbst drischt während der Ausstellung vor Publikum mit dem Vorschlaghammer auf die auseinandergeflexten Schrottanordnungen ein. Ihre Assistenten sind Männer mit dicken, tätowierten Oberarmen. Sie selbst arbeitet in schönem bunten Kleid und mit langen offenen Haaren. Die hinter Plexiglas an der Wand hängende Axt von der Länge eines Babiefingers ist die zur Kunst metamorphisierte Erinnerung an ihr brachiales Tun.

Die Künstlerin ist noch jung und hat wohl, ähnlich wie die ihr assistierenden Männer, ziemlich kräftige Arme. Sie erinnert entfernt an Marina Abramović, entfernt, aber immerhin. Mal sehen, was sie noch alles zu Kunst erklären wird in ihrem hoffentlich langen Leben.