d15 – Sehnsucht

Dieses Bild und die Figuren im Vordergrunf gehören einer dunklen Vergangenheit an, wie später in Büchern zu lesen sein wird. People’s Justice ist (hier in Deutschland – und nur hier) schneller zu Geschichte gemacht und aus dem Alltag verdrängt worden als einer Dialogkultu lieb sein kann. Wer das rund hundert Quadratmeter große Wandbild des Künstlerkollektiv Taring Padi zurücksehnt, wird zur Ketzerin gemacht, zum Ignoranten, ja zum Antisemiten.

Das Banner wurde wegen politisch nicht korrekter Bildsprache zuerst verhängt. Dann abgenommen. Dann das Gestell entfernt und zuletzt die Pappfiguren vernichtet. Ab damit in den Papiermüll, ist ja schließlich kein Warhol und kein Neo Rauch.

Damit war, wie (fast) unisono verkündet wird, eine Schande von der documenta fifteen verschwunden.

Mit der Entfernung dieses Banners ist auch ein großer Teil der Leichtigkeit verschwunden, mit der diese documenta in den Sommer startete. Die Signatur depressiver Verstimmung schlägt seither weitere Kerben ins Kontor der Weltausstellung.

Gestern sprach ich mit einer alten deutschen Frau, die gar sehr dem Ideal entspricht, das der deutsche Thomas Mann in seinem Werk Lotte in Weimar dem großen deutschen Dichter Johann Wolfgang Goethe in den Mund legte. Diese Frau umarmt mit ihrem Herzen alle Menschen, wirklich alle, alt und jung, gleich welche Hautfarbe, gleich welches Geschlecht mitsamt seinen Zwischenstufen, einfach alle. Und sie ist auf der ganzen Welt unterwegs und tut überall Gutes und Menschenfreundliches. Eben ganz nach dem Ideal von Thomas Mann, der Goethe folgende Worte in den Mund legte: «So sollten es die Deutschen halten, darin bin ich ihr Vorbild. Welt-empfangend und Welt-beschenkend, die Herzen weit offen, jeder fruchtbaren Bewunderung, groß durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum, durch Geist – denn Mittlertum ist Geist –, so sollten sie sein, und das ist ihre Bestimmung.» Das ist doch weidlich mühsam, ein so pathetisches Selbst- und Weltverständnis. Mühsam dieser Thomas Mann, dieser Goethe, diese alte Frau. Doch irgendwie auch liebenswert.

Mit Blick auf die documenta fifteen müssen wir konstatieren: All das, was hier ausgesprochen wurde, dürfen sie nicht sein, die Deutschen. Nach dem, was sie im 20. Jahrhundert getan haben, werden die Deutschen komplett anders gesehen in der Welt, in England, in den USA, in Israel, in Polen, Kreta, Frankreich und in vielen anderen Ländern. Nämlich als leicht zur Unmenschlichkeit entfesselbare Bestien und unverbesserliche Antisemiten. Für alle Zeiten, sie können tun, was sie wollen. Eine solche Sicht auf die Deutschen ist die Quittung, vielleicht auch die Rache.

Die alte Dame, ich nannte sie eine alte deutsche Frau, leidet unendlich darunter, dass diese documenta dazu benützt werde, das Bild der unverbesserlichen Deutschen zu zementieren. «Sie werden es so lange tun», sagte sie, «bis wir ganz am Boden sind. Irgendwann werden wir für sie dann kein Problem mehr sein, weil wir nichts mehr bedeuten, weil es uns gar nicht mehr gibt. Das ist irgendwie wohl das Ziel, auch bei dieser documenta

Tja, die Dame betrachtet Deutschland noch immer als Kulturnation. Ist das vielleicht ein Fehler? Ist so zu denken mittlerweile nicht schlichtweg falsch?

Gruß