d15 – Zeigen wie’s geht

Sabine Schormann, Documenta-Direktrice, ist weg von ihrem Posten. Vor vier Tagen schrieb ich noch in den Tagesgedanken, wie sie versuchte, die Begriffsverknäuelungen, denen sie und andere Betreiber der Weltkunstschau ausgesetzt sind, auseinanderzuflexen. Jetzt ist sie selber weggeflext worden, warum auch immer, jedenfalls sicher nicht deshalb, weil ihre documenta antisemitisch ist.

Die Häme in den Zeitungen sind für mich schier nicht auszuhalten. Deshalb hier kein weiteres Wort über die Siegersprache, die schon lange keine Siegersprache mehr ist…

Wie das Zusammenleben extrem verschiedener Menschen in extrem verschiedenen Zeiten sein kann und wie konstruktiv damit umgegangen werden kann, können wir (wieder einmal) von Leuten lernen, die auf der documenta ausstellen. Gleich im Eingangsbereich in der Hafenstraße 76 flattert uns das folgende in den Raum herunter hängende Banner um die Nase:

Die Komplexität eines Kollektivs verbietet den Gedankengang, den Bazon Brock vollzogen hat. Er meinte, das Kollektiv sei das Ende der kreativen Individuen. Das trifft so nicht zu. Vielmehr gilt der Spruch auf diesem Banner mehr oder weniger für alle Kollektive, die auf der documenta vertreten sind, allen voran für ruangrupa. Ich jedenfalls kann es immer entschiedener nur noch so sehen. Hintergrund, Kunstpraxis und Kunstverständnis divergieren in den einzelnen Kollektiven genauso wie in der Gesellschaft sonst auch.

Was sie allerdings von unserer auf Cancelculture ausgerichteten Gesellschaft unterscheidet, ist die Tatsache, dass Kollektivmitglieder die Macht der Verschiedenheit nicht zum Ausschluss Einzelner missbrauchen, sondern einander in Solidarität, echtem Respelt und Vertrauen tragen und bejahen. Das ist für unsere Gesellschaft schlichtweg beschämend. Und ich komme immer entschiedener zum Ergebnis, dass darin der Hass von führenden Figuren unnerhalb unserer Gesellschaft gegen diese Kollektive begründet ist. Friedfertigkeit in unserer heutigen Zeit und Kultur (?) ist wohl der größte Angriff auf das verinnerlichte Selbstverständnis solcher ‚Kulturen‘.

Die Kollektive der documenta, die sich nicht durch «abhängen» bewiesen haben, wie Brock und andere behaupten, sondern neue Projekte ausgedacht und in die Umsetzung gebracht haben, Projekte, von denen das Leben und die Lebendigkeit einen Gewinn haben, die einzelnen Mitglieder dieser Kollektive lieben einander so wie sie sind. So weit ich sehe, endet ihre Menschenliebe nicht an der Grenze ihres Kollektivs, sondern sie endet überhaupt nicht.

Ich wollte heute etwas ganz anderes schreiben. Ich hätte, wenn mich nicht jemand davor zurückgehalten hätte, über die vorläufigen Sieger im sogenannten Eklat um die documenta geschrieben, über ihre Aggression, Häme, Dummheit und letztlich Belanglosigkeit (wobei es schwer ist, ihre Belanglosigkeit zu betonen, wenn man erleben muss, wie komplett unfair und schlichtweg menschenverachtend sie den Diskurs bestimmen). Das alles lasse ich am besten bleiben und konzentriere mich weiterhin nur auf die Entdeckungen, die sich mir bei jedem Gang über die schier unermesslich groß angelegte documenta fifteen jedesmal neu eröffnen.

Grüße