d15 – «Social Proof»

Schon wieder Taring Padi. Erneuter Antisemitismus-Vorwurf. Mist nochmal, sagen viele Besucher der documenta. Ihre Einschätzung vor Ort ist eine andere als die der politisch korrekten und lieber noch etwas korrekteren Medien. Doch es ist ärgerlich und mehr als ärgerlich, dass dieses Kollektiv seit gestern wieder in den Schlagzeilen steht. Eine abgeklebte Kippa auf der Darstellung einer als Jude erkennbaren Figur, die gerade mit zwielichtigen Leuten Geldgeschäfte macht. Die bescheidene Darstellung einer teilweise verdeckten Uhr am rechten Handgelenk vermag ich zwar nicht als «fette Armbanduhr» zu erkennen, wie es in der Zeitung steht, doch der Gesamteindruck, den da Taring Padi hinterlässt, ist unappetitlich, fürwahr.

Wer weiß, vielleicht wird Elfriede Jellinek die Sache in ihrem Buch, das im November erscheinen soll, aufgreifen. Dort soll es um den jüdischen Teil ihrer Familie und um Geldgeschäfte gehen.

Das Thema ist jedenfalls mehr als publikumswirksam. Und der politisch korrekten Rede folgen auch schon die Understatements auf den Fersen. Das ist ebenfalls ärgerlich. So wiederholt Monopol, das Magazin für Kunst und Leben, was sich inzwischen zur dpa-Meldung gemausert hat und somit als unhinterfragbare Wahrheit daherkommt: «Bereits ein halbes Jahr vor dem Beginn der Documenta waren Antisemitismus-Vorwürfe gegen das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa laut geworden. Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung war ein Banner mit judenfeindlichen Motiven entdeckt und abgebaut worden. Später tauchten weitere Werke auf, die für eine Welle der Empörung sorgten.»

Das ist ein Beispiel für «Social Proof». Nur weil sich in der Gesellschaft ein Jargon durchsetzt, haben wir es noch nicht mit handfesten Fakten zu tun, sonden mit Meinungen, die sich in der Gesellschaft durchgesetzt haben. So wird im Fall dieser dpa-Meldung nicht mehr gefragt, wie es zu den Vorwürfen kam, es wird nicht gefragt, was das Wort «judenfeindlich» im Zusammenhang mit der documenta wirklich meint. Die «später aufgetauchten» «Werke», die inzwischen von Expertinnen und Experten kontextualisiert und als nicht judenfeindlich eingestuft worden sind, werden ungefragt in den Kanon der Empörung aufgenommen. All das ist Sprachmissbrauch mit einem Rattenschwanz von Misstrauen und Ärger im Gefolge.

Es ist genau so ärgerlich und diaolgfeindlich wie das neu ans Tageslicht gekommene Verhalten von Taring Padi, ist genauso dumm und ärgerlich wie die Äußerung des auf vielen Standorten mit witzigen Beiträgen vertretenen documenta-Künstlers Hamja Ahsan, der auf Facebook gepostet haben soll, Bundeskanzler Scholz sei ein «faschistisches Schwein». Genauso dumm allerdings war auch Olaf Scholz selbst, der mit dezidierter Machtgeste viel zu früh apodiktisch verkündet hatte, dass er bei dieser Weltkunstschau von einem Besuch absehen werde, anders als in den Jahren davor.

Alles, was im Modus der Trennung gegen andere gesagt wird, kommt früher oder später in Form trennender und abgrenzender, oft beleidigender Gedanken auf einen selbst zurück. Das ist das Fazit meiner heutigen Gedanken.

Mit melancholiedurchsetztem Gruß,

herzlich,