d15 – Spekulationen

So ganz nur vertrauensselig wird ruangrupa nicht aus Kassel verschwinden. Sie wollen das Terrain nicht kampflos räumen. Rund neunzig Tage war das Kuratorenteam geduldig und versöhnlich geblieben, jetzt stellt es sich auf die Hinterbeine. Und hinter ruangrupa formiert sich eine ganze Phalanx Gleichgesinnter.

Abgesehen von ruangrupa werden manche Künstlerinnen und Künstler vielleicht auch deshalb zum Ende hin direkter und konfrontativer, weil sie keine Ausweisungen mehr zu befürchten haben – die meisten von ihnen werden, ja müssen, wenn sie nicht schon weg sind, zum Ende der documenta hin Deutschland verlassen und in ihre Herkunftsländer zurückreisen. Da wird ihnen so kurz vor Abreise niemand mehr ans Zeug gehen, wenn jetzt noch das eine oder andere provokante Statement geäußert wird.

Dan Periovschi scheint seine Dinge gut im Griff und weisheitsvoll geplant zu haben. Seine Banner gegen Putins Angriffskrieg, die er vor Beginn der documenta für einige Zeit zwischen den Säulen des Fridericianums fixiert hatte, hat er gestern in leicht abgewandelter Form zurückgebracht und rechts der Säulen vor zwei Fenster montiert:

Nicht nur diese zwei weißen Tücher, auch die Beleuchtung der Statuen auf dem Dach des Fridericianums zeigen Solidarität mit dem ukrainischen Volk – die Hälfte der Säulen hat eine blaue, die andere eine gelbe Nachtbeleuchtung. Damit beziehen die künstlerischen Verantwortungsträger Stellung und solidarisieren sich, wie in vielen anderen ethnischen und nationalen Konflikten, auch hier mit den Angegriffenen.

Heute abend waren dann weitere Banner an der Hauptfassade des Fridericianums aufgehängt, eins mit kurdischer Konnotation, eins, das für mich auf die Schnelle nicht einordenbar ist, und eins mit einer direkten Solidaritätsgeste zum palästinensischen Volk:

Anders als die zwei Plakate von Periovschi, klingt dieses schwarze Band für viele gefährlich. Es enthält zwei Wörter («PUEBLO PALESTINO», auf deutsch: «palästinensisches Volk»), die von Politikern in unserem Land nicht in den Mund genommen werden, partout nicht, von keiner und keinem, jedenfalls nicht von denen, die sich im Zusammenhang mit der documenta fifteen zu Wort gemeldet haben. Und auch sonst hören wir diese Worte in bestimmten öffentlichen Kreisen nicht oder wenn, dann negativ konnotiert.

Mal sehen, wie die Sache ausgeht. Bin gespannt, was für ein Echo kommt und ob künstlerische Freizügigkeiten wie dieses Band noch geduldet werden.

Herzlich