d15 – Stagnation und Aufbruch

Vieles im Umgang mit der documenta deutet auf Stagnation.

Die Uhren zwischen Kassel und Jakarta ticken so verschieden wie die Interessen zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden. Inzwischen sind für mich die zwei Uhren über der Theke des documenta-Pressezentrums zum Bild dieser Stagnation geronnen. Das war von den Gestaltern dieses Raums ursprünglich anders gedacht.

Die Künstlerinnen und Künstler können kaum etwas in Bewegung bringen, weil die Kräfte der Stagnation und des Widerstands zu stark geworden sind. Zwar können Hunderttausende von bewegten und nirgends mit Antisemitismus konfrontierten Besucherinnen und Besuchern in die Waagschale geworfen werden. Doch im Vergleich zu vielen Millionen, die sich nur mittels Kassel fern stehenden Maulzerreißern ein Bild von der Stadt und der documenta machen, ist ihre Stimme klein.

Eine Freundin aus Hamburg, die drei Tage in Kassel war und sich die Schau gründlich erwandert hat, schreibt von ihrer Nachbarin. Diese sei ebenfalls auf der documenta gewesen und habe strahlend erzählt, sie werde wieder mit dem Malen anfangen. Wenn Menschen in Slums das hinbekämen, dann bekomme sie das doch wohl auch hin. Wenn die documenta zu solchen Willensimpulsen anregt und diese dann auch noch umgesetzt werden, dann hat sogar Hamburg etwas davon, dann strahlt auch dort ein Licht, egal was aus manchen Hamburger Redaktionen an Häme in die Seelen ihrer Leser geträufelt wird.

Wenn Fragen wie diese (Standort Hafenstraße, Erdgeschoss) stärker um sich greifen, wird das Leben vielleicht undurchschaubarer, doch wohl auch lebenswerter. Die documenta provoziert in einem noch nie dagewesenen Ausmaß solche und viele andere Fragen. Lasst Individuen sprechen, verkündet sie selbstbewusst. Lasst uns das Neue erproben, statt nur zu existieren, sprich vegetieren. Lasst uns performen und neue Rollen ausprobieren. 

Herzlich