d15 – Standort-Karussel

Die Neue Galerie geht dieses Jahr bei der documenta leer aus. Der Ort wirkt wie verwaist

Bis zur diesjährigen documenta waren es immer einzelne Kuratoren oder Kuratorinnen, die die Verantwortung für die Weltkunstausstellung und somit für die Standorte innehatten. Nicht selten mied der oder die Verantwortliche für die neue documenta genau jene Standorte, die bei der vergangenen Ausstellung eine besondere Bedeutung hatten.

Nun haben wir erstmals ein Kurator_innen-Kollektiv und damit soll vieles anders laufen, doch was die Wahl der Standorte betrifft, verhalten sich die neuen Macher_Innen gleich wie die alten. Im neuen Patchwork der Sinnstiftung durch Standortauswahl ist zu beobachten, dass zentrale Standorte, die der letzte Kurator, Adam Szymczyk, zu besonderer Bedeutung erhoben hat, diesesmal keine besondere Rolle spielen oder sogar komplett leer ausgehen.

Bei der letzten documenta galt die Neue Galerie als pulsierender geheimer Hauptstandort der ganzen Veranstaltung. In den letzten Wochen standen zig Meter lange Schlangen von Besuchern an, um in die Räume zu kommen, wo wirklich viel Unvergessliches los war. Diesmal steht das Gebäude völlig verwaist in der Gegend rum, genauso wie unmittelbar daneben das Brüder-Grimm-Museum, das vor fünf Jahren ebenfalls ein markanter Standort war.

Wer in Kassel lebt, hat an dieser Tapetenwechsel-Mentalität der documenta-Macher keine Freude. Klar, es kommt Abwechslung in die sonst recht behäbige nordhessische Stadt. Doch der Eindruck, dass Touristenkarussel gespielt dass mit viel Aufwand gestaltet und danach mit eiskalter Schulter das für den Augenblick Gestaltete wieder fallengelassen, ja verunstaltet, mit einer seelischen Schlacke kontaminiert wird – Orte, die nicht gepflegt sind, werden unlebendig schwer und belastend –, das drückt manchmal aufs Gemüt.

Und dass die neuen Bespieler der documenta-Idee ausgerechnet bei diesem Spiel mitspielen, hätte nicht per se so sein müssen. Aber vermutlich sind Erwachsene da wie die Kinder: sie erobern sich am liebsten neue Spielplätze und die alten meiden sie.