d15 – Die Standorte

Nun sind die Standorte der neuen documenta bekanntgegeben worden. Die meisten werden in der Innenstadt sein, wie immer. Einige sind in der Nordstadt, der neue Standortschwerpunkt ist jedoch die Oststadt. Die Nobelecke Kassel Bad Wilhelmshöhe geht diesmal komplett leer aus. Die Botschaft von Ruangrupa, selbst aus einem Brennpunkt der Indonesischen Politik hervorgegangen (darüber später einmal mehr), ist klar: Das Kuratorium interessiert sich für die Brennpunkte der Stadt.

Gestern beim Check des verschmierten Beuyssteines – dem übrigens letzten der 7000 gepflanzten Bäume, Beuys war 1986 schon tot, den Baum pflanzte sein Sohn Wenzel – freute ich mich über die fertig graffitierten Säulen, die nun ein dunkles und gleichzeitig erhellendes Licht auf den klassizistischen Bau des Fridericianum werfen:

Vor den Treppen des Gebäudes fotografierte eine Lehrerin gerade ihre nur für die kurze Zeit des Fotodates ruhig beieinanderstehende Klasse. Im Hintergrund auf dem Graffiti steht in Großbuchstaben «POWER», die Buchstaben «W» und «E» sind durch einen dicken Kreis hervorgehoben. Ob der Künstler die Abgebildeten als sein Wunschpublikum sehen würde?

Ich höre neben mir einen weiteren Lehrer, wie er sein nur halb zuhörendes junges Publikum mit Plattitüden über die Bedeutung des vor ihnen stehenden «großartigen architektonischen Kunstwerks Fridericianum» zutextet. Der gute Mann hat noch nichts vernommen von den neuen Intentionen der documentaVerantwortlichen. Sie brechen mit seinem antiquierten Verständnis und sprechen dem oft als Hauptgebäude der documenta benutzten Prachtbau eine nur recht marginale Bedeutung zu. 

Folgende Stelle auf einer der Säulen ist vielsagend. Vielleicht ist es zur Zeit das Lebensgefühl vieler, ja aller Künstlerinnen und Künstler, ob sie nun bei der Weltausstellung mitmachen oder irgendwo sonst auf der Erde Däumchen drehen. Es ist das Lebensgefühl unzähliger Menschen in den Brennpunkten von Kassel Ost und Kassel Nord und auch das Lebensgefühl ganzer Menschenmassen rund um den Globus. Gemeint ist der Spruch «I AM NOT EXOTIC I AM EXHAUSTED» des ausländischen Künstlers, der die Buchstaben vor einigen Tagen hingemalt und damit wohl auch sein eigenes Lebensgefühl zum Ausdruck gebracht hat.