d15 – Tritt ein

Beim Betreten des Goethewohnhauses in Weimar steht, in den Boden eingelassen, «Salve». Ähnlich liegt im Fridericioanum, oder in der «Fridskul», im Durchgang zur Halle rechts ein grüner Teppichvorleger mit «WELCOME». Die Geste ist gut gemeint und irgendwie schlecht gemacht, zu direkt, zu plump für einen Kunsttempel von diesem Ruf. Oder gerade nicht schlecht gemacht, weil viele sich unwillkommen fühlen in diesem Raum, weil ihnen kein Rückzug gegeben wird ins eigene Subjekt, das aus sicherer Distanz Objekte an der Wand und im Raum studieren, genießen, auf sich wirken lassen könnte. Vielmehr gibt es hier ein Riesengewusel und ein sich ständig wandelndes Geschehen. Menschen, die in den Raum kommen, Dinge ergreifen und tüchtig mitgestalten. Andere, die heimatlos über die Frage sinnen, wieso sie hierher gereist und ein teures Ticket und überhaupt und wer hat sie jetzt noch lieb und so weiter.

Irgendwie dann auch wiederum Volkshochschulstimmung, eben Fridskul, womit wir wieder beim Thema sind. Was Joseph Beuys viele Jahre zuvor in diesen Räumen gepredigt hatte, dass sich nämlich Kunst und Leben die Hände reichen müssten, um die Zukunft auf unserer Planetin in die Hand zu nehmen, das ist inzwischen täglicher Vollzug.

Dazu passt dieser Stuhl. Irgendjemand, vielleicht sogar ein Kind – denn der Stuhl steht oder stand in den Räumen der «rurukids», also dort, wo Kinder spielen und die Räume und Dinge gestalten dürfen – hat dieses wahrlich hässliche Objekt, das wohl irgendwie aus einem Klassenzimmer entwischt ist, zum Kunstwerk erhoben. «Ich bin ein Kunstwerk», steht auf einem an die Lehne gepappten Din-A4-Zettel. Wenn Kunstmachen denn so einfach wäre?! Die Praktiker sind oft die schlimmsten Theoretiker, hat Rudolf Steiner oft geschimpft.

Sei’s drum: Manche erkennen in der Umbenennung dieses Stuhls schlichtweg zurecht eine Farce und obendrein das peinliche Verkennen jeglichen höheren künstlerischen Tuns. Andere wiederum fühlen sich an die Tiefen eines Platondialogs erinnert. Für Platon war die Frage «Was ist ein Stuhl?» nämlich eine hochbrisante, tief philosophische Frage. Wer diese Frage restlos klären will, setzt sich am besten auf den Stuhl, denn die Beantwortung dieser Frage könnte dauern.

Herzlich