d15 – Stühle, Sitzen, Schulen

Escolas nennt Graziela Kunsch ihr Videostill, das sie 2016 gemacht und nun auf der documenta gezeigt hat. Sieben Minuten dauert der Streifen, kein Wort kommt darin vor und kein Mensch.

Nur Stühle. Stühle in verschiedenen Anordnungen, dazu der Klang gähnender Leere. Noch nie habe ich Schule brutaler und treffender dargestellt gesehen als in diesem Film. Und das Ende ist wie der Anfang: Stühle, Tische, Stühle und sonst NADA. Genau dies trifft eine Schicht meiner Erinnerung an Schule und an die stillstehende Zeit, während in meinen Gedanken und meinem Leib das Leben tobte.

Graziela Kunsch ist Künstlerin, Pädagogin und Mutter. Sie ist verantwortlich für die Räumen im Fridericianum, die für Kinderaktiviäten reserviert sind. Und sie trifft sich jede Woche, oft mehrmals, in diesen Räumen, um mit Kindern und Eltern zusammenzusein. Sie ist eine Künstlerin, die in ihrem Aktionen mit Personen von außerhalb des Kunstbetriebs arbeitet. «Sie macht Vorschläge, die es anderen erlauben, nicht nur als Teilnehmende, sondern als Mitwirkende aufzutreten, sodass der ursprüngliche Vorschlag verändert wird und eine Vielzahl von Sichtweisen und Praktiken einschließt», lese ich im documenta-Führer.

Joseph Beuys sagte in einem Interview einmal: «Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt.» Damals wussten wir, was er damit meinte. Es war innovativ. Heute würde der auf der documenta dauerpräsente Beuys sagen können: «Die Mysterien finden im Fridericianum statt.» Und er würde sich herzlich darüber freuen und schallend lachen, vielleicht auch, wenn Graziela Kunsch ihm das erlauben würde, mit den ganz Kleinen im supergepflegten riesigen Sandkasten im hinteren Teil der lebensprallen «Gudskul» spielen. Es gibt in ganz Kassel zur Zeit keinen Sandkasten, der es mit diesem aufnehmen könnte, so würdevoll ist alles gestaltet. Und der Sand ist unschlagbar fein…

Gruß