d15 – Unter Tag

Die Zeitungen, auch unsere Lokalzeitung, bringen zur documenta weiterhin nichts als weitere Facetten zum Anitsemitismuseklat. Ich bin einfach nur froh, gestern nichts über diese noch immer wenig ersprießliche Sache, sondern über das Kuratorenkollektiv ruangrupa geschrieben zu haben. Ich bilde mir langsam ein, näher an der Sache und am Anliegen der diesjährigen documenta dran zu sein, wenn ich vom Mainstream Abstand nehme und mich anderen Themen widme.

Wir hier vor Ort, die wir jeden Tag neu versuchen, so viel wie möglich von den Angeboten dieser Weltausstellung ‹mitzunehmen›, können nur so vorgehen. Alles andere wäre verschenkte Zeit. Postkoloniale Etikettierungen, wie sie über einzelne Menschen, Ethnien, Völker und leider immer wieder auch über jüdische Menschen und das jüdische Volk gestülpt werden, verurteile ich, doch ich muss mich um das kümmern, was von dieser documenta bleiben wird.

Deshalb heute: Tadschikistan. Ich war gestern in drei Filmen über dieses Land.

In Zentralasien, von schroffen hohen Bergen und Ländern wie Afghanistan, China, Kirgisistan und Usbekistan umgeben, ist das Leben der Menschen in Tadschikistan, die nicht in der Stadt leben und keine Berührung mit dem Tourismus haben, ein einziges großes und faszinierendes Rätsel, in das sich Kultureinflüsse aus allen Himmelsrichtungen eingeheimnisst haben und in der Abgeschiedenheit dieser Welt zum Stillstand gekommen sind. Ich kenne das von Graubünden, wo ich herkomme. Auch dort gibt es bis heute in den letzten Ecken in den hintersten, steilsten Tälern solche Lebenswelten im Stillstand.

In den Kellergewölben des Fridericianum werden Filme gezeigt zu diesem Thema, langsame Filme. Schmerzvolle, unerlösbare Schönheit. Stille Präsenz. Gottergebenheit und Lebenszugewandtheit bis in die Fingerspitzen. Im einen der Filme kommen nur Frauen vor und ausschließliche ‹Frauenthemen›, schreibe ich als Mann, der mit einer Intimität einer Wesenhaftigkeit in Berührung kam, die mich zum Erstaunen brachte und fast zum Wegschauen bewegte. Aschenputtel war das Thema. Dieses Thema, das nicht immer mit dem Königssohn endet, der das Mädchen aus der Asche hebt und zu einer Königin macht, kommt wohl auf der ganzen Welt vor, werden Frauen doch auf der ganzen Welt wie Aschenputtel behandelt, nicht restlos alle, aber fast ganz alle.

Während Kritiker der documenta neuerdings auch über Jakob und Wilhelm Grimm den Stab brechen und über die beiden Märchenbrüder das Urteil des Antisemitismus verhängen und damit ihre Lebensleistung rigoros unter Verdacht stellen, wenn nicht vernichten wollen, wird in diesem Film das Aschenputtelmärchen behandelt. Wir sehen immer wieder eine tadschikische Schülerin, wie sie das Märchen in deutscher Sprache liest und dabei wohl viele der ausgesprochenen Wörter nicht wirklich versteht, was in unseren Ohren überaus reizvoll klingt. Wenn Kritiker angesichts des eindeutigen Tadschikistanbezugs in diesen Filmen über ‹Folklorismus› und ‹Kulturalismus› lästern und damit die documenta ins Zwielicht eines ach so ganz und gar unkünstlerischen Bastelladen stellen wollen, beweisen sie damit nur ihre Herzlosigkeit und Begriffsborniertheit.

Jedes Bild im Film und genauso die Abfolge der Bilder berührt und öffnet die Herzen der auf tadschikischen Sitzfutons ruhenden Besucherinnen und Besucher, die, ohne dass irgendwo auf einem Schild darum gebeten worden wäre, ihre Schuhe ausgezogen haben, bevor sie sich auf den Matten im abgedunkelten Raum ausgebreitet haben, um sich in eine fremde Welt mitnehmen zu lassen.

Herzlich