d15 – Vergleiche

Marshall B. Rosenberg hat es immer gesagt: Vergleichen macht unglücklich. Egal was verglichen wird. In letzter Zeit werden die documentas miteinander verglichen. Welche war die beste, wo waren am meisten Zukunftsimpulse, welche war die schlechteste. Je nach Blickwinkel fallen die Resultate völlig verschieden aus. Doch gleich welches Resultat, es kann nicht befriedigen und ist noch nicht einmal ein wirkliches Resultat.

Das documenta-Ranking, das in letzter Zeit um sich gegriffen hat, ist wieder nichts anderes als das Nicht-Auf-Den-Tisch-Holen der für die documenta fifteen wichtigen Themen. Insofern ist es nicht nur unersprießlich, sondern gewollt kontraproduktiv. Ich beobachte schon länger, dass die Zeitungen recht gut «funktionieren», wenn sie entweder kritisieren oder verteidigen. Wenn sie nichts zu kritisieren haben, wenden sie sich anderen Themen zu, wenn sie meinen nichts verteidigen zu müssen, kommt fast nur dünne Luft, siehe die Lokalzeitung HNA.

Mein Vorschlag: Nicht Vergleiche anstellen, sondern das Hinschauen kultivieren. Das ist so wenig geschenkt wie das Zuhören. Hinschauen ist eine Kunst, passt also zur documenta. Schau eine Weile lang auf dieses Bild. Der abgebildete Bau im Hintergrund hat eine fast 70 Jahre alte Geschichte im Zusammenhang mit der documenta. In einem Monat wird er wieder «Fridericianum» heißen und schon bald werden dort Gespräche über die d16 geführt werden. Sich mit der Geschichte dieses Gebäudes zu beschäftigen ist ein Gewinn.

Gegenüber des Baus, also ganz im Vordergrund des Bildes, ist die erste und letzte Eiche der Pflanzung von Joseph Beuys abgebildet, einem der ökologisch wertvollsten, größten je von einem einzelnen Menschen realisierten Kunstwerke, das es mit den sieben Weltwundern der Antike aufnehmen kann. Geht hin, stellt euch unter diese Bäume, schaut wie unterschiedlich ihr Schatten ausfällt. Und macht euch Gedanken über das Hakenkreuz, das jemand auf den linken Stein draufgepinselt hat. Betrachtet die danach von jemand anderem rot auf beide Steine gemalten Schriftzeichen.

Dann, in der Mitte des Bildes die Graffiti von Dan Periovschi. Geh um sie herum, immer wieder. Ich glaube, dass bisher höchstens der Künstler selbst alle Nuancen der Aufschriften erfasst hat, wir anderen können bei jedem Besuch immer noch Neues an den Säulen entdecken, Inspirierendes, Aufschließendes, Erhellendes.

Zum Künstler selbst möchte ich bemerken, dass mindestens eins seiner Bilder, es ist auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof, den Periovschi inzwischen auch bemalt, vermalt, verschönert, verunziert hat, zu finden. Der Satz auf diesem Bild ist Ausdruck des Humors dieses oft kichernd und mit Notizbuch durch die Städte hüpfenden Künstlers, es ist aber auch Ausdruck einer Befindlichkeit, die inzwischen viele Künstlerinnen und Künstler (und auch sonst viele Menschen) ergriffen hat, nämlich das Gefühl von Vanitas und Endzeitstimmung. Insofern macht Periovschi mit diesem Satz einen Satz in den Abgrund, wenn schrieb:

Wenn das nicht self fulfilling prophecy ist?! Und wenn es das nicht sein sollte, sondern nur ein lustiger Spruch, so ist dahinter dennoch ein Lebensgefühl verborgen, das der Todesstarre von Matrosen auf einem sinkendem Schiff ähnelt. – Ist ein solches Lebensgefühl documenta-immanent? Oder ist es das Ergebnis von Politik, cancel culture und medialem shitstorm?! Das sind wohl Fragen, auf die wir keine oder keine übereinstimmenden Antworten finden werden.