d15 – Vogelflug

Die Mauersegler sind seit einigen Wochen weg von Kassel. Ab in den Süden. Irgenwo unterwegs auf einer 10.000 Kilometer langen Reise. Ornithologen wissen, wo sie sich zur Zeit gerade aufhalten.

 

Anders als bei den Zugvögeln, wusste heute niemand, wo Richard Bell gerade sein mochte. Der Promikünstler der documenta war ausgeflogen. Wir haben ihn einfach nirgends vorgefunden. Die Dienstleisterinnen im Fridericianum auch nicht. Sie meinten, vielleicht komme er ja später. Kam er aber nicht. Wir, die wir gekommen waren, um mit dem Abkömmling der Aborigines im «Embassy-Zelt» auf dem Friedrichsplatz einen «Embassy Talk» abzuhalten, warteten vergebens. 

Sind im Programm der documenta etwa Enten? Ist diese documenta eine Docum-Ente? Hatte die Zeitung gelogen?

Wie auch immer, Bell war nicht da.

Berenike und ich waren enttäuscht, fassten jedoch sofort wieder neuen Lebensmut und sagten uns: Ist doch jetzt auch gar nicht schlecht, wenn wir aus dieser Hitze wieder weg können. Und überhaupt, überlegte ich, über was hätten wir mit ihm geredet. Er kämpft doch nun schon ein halbes Jahrhundert für die Rechte der Aborigines und Rechte haben die bis heute keine. Und das viele Geld, das der australische Staat den Ureinwohnern des Landes schuldet, kann er eh nie mehr zurückzahlen, selbst wenn er wollte. Er will aber gar nicht.

Im Fridericianum hängt ein Bild von Richard Bell. Der Titel des Werks steht auf der Leinwand selbst: «White Lies matter». Weiße Lügen haben Bedeutung, sind von Gewicht. Je nach Tageslicht, das auf das Bild fällt, ist der Schriftzug unerkennbar, dafür leuchtet die Bildfäche in ätherisch schillernden Farben:

Bells Worte sind eine direkte Anspielung auf die junge US-amerikanische Bewegung Black lives matter (Schwarze Leben zählen). Und die Frage entsteht: Was ist mehr Wert, das Leben schwarzer oder die Lügen weißer Menschen? Die Antworten auf diese Frage fallen verschieden aus, solange wir Menschenleben mit verschiedenen Latten messen. Sollten wir nicht mehr länger tun, das rufen uns die Künstlerinnen und Werke auf dieser documenta aus allen Himmelsrichtungen zu.

Bells Satz lässt folgenden Umkehrschluss zu: Die Lügen der Weißen setzen sich auf Kosten der Wahrheiten Schwarzer durch (die Aborigines nennen sich Schwarze). Sollte dies gemeint sein, schlüge sich Bell auf die Seite seiner farbigen Mitstreiterinnen und Kumpel rund um die Erde. Und um dies auch heute zum Ausdruck zu bringen, ließ er uns, die weißen Lügner, heute tatenlos im Embassy-Zelt in der Hitze brutzeln.

Dass er uns auf so plumpe Art und Weise bestrafen wollte, kann schlichtweg nicht sein. Aber wo war er nur? Und woher nehme ich die Sicherheit, dass er nicht genau das wollte, nämlich uns bestrafen?

Werden wir, die weißen Menschen – ich meine die Menschen aus dem Globalen Norden mit Schwerpunkt Nordhessen – von den schwarzen Menschen – ich meine die Menschen aus dem Globalen Süden – je erfahren, auf welcher Flugbahn Richard Bell unterwegs war, als wir im Zelt der Aborigines saßen und auf sein Erscheinen warteten?

Fragt grüßend