d15 – Schluss mit dem Dresch-Flegeln?

Heute habe ich seit langer Zeit mal richtig durchgeatmet. Alexander Fahrenholtz gab in der Hessischen Allgemeinen (HNA) ein Interview, in welchem er souverän die bisherige Hegemonie des so genannten «Anitsemitismus-Eklats» in den Senkel stellte.

Alexander Fahrenholtz, documenta-Geschäftsführer seit vier Tagen

Fahrenholtz monierte, dass sich durch einseitige Berichterstattung die Diskussion in einer Weise selbst beschleunigt habe, «dass alle anderen Aspekte der Ausstellung in den Hintergrund traten.» Diese bisher im Hintergrund gestandenen Aspekte werden nun durch seine Art der Betrachtung in den Vordergrund geholt. Damit unterstützt der neue Geschäftsführer einen allgemeinen Trend, der sich auch sonst in der Öffentlichkeit langsam Bahn verschafft. 

Endlich wird nicht dauernd über irgendetwas gestritten, das sich längst in sensationelle Begrifflichkeiten verdichtet hat, wo doch noch niemand bewiesen hat, dass an diesen Sensationen irgendetwas dran sei, denn viel zu viele Begriffe werden in diesem Streit in unverzeihlicher Verkürzung vorausgesetzt, statt dass herausgearbeitet würde, was sich hinter den aufgebrachten Meinungen und tatsächlich erfolgten Verletzungen als der eigentliche Motor des Anstoßes erkennen lässt.

Statt dass sich Fahrenholtz in den «Anitsemitismus-Eklat» verwickeln ließ, rückte er ruangrupa in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Wie coll ist das denn! «Sie sind so herzerfrischend», sagte er im Interview, «nehmen einen in den Arm und sagen: ‹Hallo Alex›.»

Nach Wochen der Streitereien markiert der neue Geschäftsführer in der Öffentlichkeit mal kein Rumdreschen auf den anderen, den ‹Bösen›, mehr, sondern er äußert die Freude an der Andersheit des Anderen und hat Zuversicht, was die Verständigung miteinander und die Ergänzung durch einander betrifft. Und er hat Vertrauen in den Dialog, der zwischen Menschen auf Augenhöhe entstehen und die Welt und auch die Menschen ins MENSCHLICHE verändern kann.

Müssen wir noch lange darauf warten, bis sich das Anliegen von ruangrupa durch Leute aus dem Globalen Norden auszusprechen beginnt? Ich denke, es ist schon da, wir müssen nicht warten. Dennoch müssen wir weiterhin damit rechnen, dass eine solche Wende zum Menschlichen hin, sollte sie auch nur ansatzweise am Horizont sichtbar werden, andere Leute ganz und gar nicht mögen. Und sie werden es nicht nur nicht mögen, sie werden weiter auf ihren Bühnen herum-dresch-flegeln wie bisher. Ihre Bühnen werden kleiner werden, das halte ich für für möglich, ja ich bete es herbei.