d15 – Was ist Kunst?

Habe mich gerade eben von Holger getrennt. Bei der Tankstelle. Unser Heimweg war bis zu diesem Punkt der gleiche. Wir waren in der Innenstadt unterwegs gewesen. Die untenstehenden Gedanken sind die Fortführung unseres Gesprächs von heute Nachmittag. Danke Holger!

Höre das Streichquintett von Schubert, das mit dem zweiten Cello. Überraschend, witzig, ergreifend, tiefgründig, unberechenbar, schön, hässlich, voller Verzweiflung. Voller Töne dahinter, darunter, beyond. Es ist das letzte vollendete Werk des großen Komponisten. Des großen Komponisten? Des großen Künstlers?! Wer sagt, was große und was nicht große Künstler sind? Wer hat die Kriterien? Wie wichtig ist diese Frage? Wie wichtig sind Urteile?

Mir egal: Schubert steht auf dem Podest, er gehört unter die drei ersten, glänzt in der dünnen, eisigen Luft der Allerwenigsten. Ich höre die Frage: Ist das wichtig? Ja! Für wen? Für mich! Für mich flimmert der Name Schuberts in dieser Aura. Wohl bis zuletzt. 

Mir stehen die Nackenhaare auf, wenn ich höre, dass Schubert, wenige Monate vor seinem Tod, noch immer nur einem kleinen Freundeskreis bekannt, in seinem Leben nur ein einziges Mal öffentlich aufgetreten (weniger als die meisten Künster_innen dieser documenta, von denen die meisten als unbekannt gelten), dass dieser Mensch, der bis zu fünf Liedern am Tag und in seinem kurzen Leben viele große Sachen zusätzlich aus dem Künstlerhimmel gepflückt, auf Blätter hingekritzelt hat, die, wie gesagt, nur eine Hand voll Freunde kannten und wertschätzten, dass dieser Mensch am Ende seines Lebens voller Verzweiflung feststellte, er müsse nochmals Musik studieren, weil er das Erlebnis hatte, ihm sei restlos die Fähigkeit zu komponieren abhanden gekommen.

Wie wird ein Mensch Künstler? Gegendert: Wie wird eine Mensch Künstlerin? Doch wohl durch hohe Sensibilität. Das ist die Grundbedingung. Und wodurch wird das Ziel, Künstlerin oder Künstler zu werden, vereitelt? Nicht immer, aber doch wohl sehr oft durch politische Umstände, die das Erlernen und Ausführen von Kunst vereiteln? Wieso machen die Verhinderten dann weiter? Weil sie nicht anders können. Manche von ihnen malen, plastizieren, denken, konstruieren, üben täglich weiter, egal wie komplett die Verhinderungen sind. Und beginnen sich, vorerst nebenher, dann immer umfasslicher, weil ihre Kunstübung ja verhindert wird, politisch zu engagieren.

Und landen 2022 zu Hunderten auf der documenta fifteen. Vorsicht, von politischer Kunst zu sprechen, nur weil die Lebenswege dieser Künstler_innen schwer vom Politischen tangiert sind! Aus Not kamen sie zum politischen Engagement, doch was die meisten von ihnen im Gepäck haben, ist die ursprüngliche Sensibilität. Und wie viele von ihnen haben ein künstlerisches Handwerk im Rucksack. Dieses holen sich hervor und stellen es in die politischen Zusammenhänge, denen sie ausgesetzt waren und meist noch immer sind, – und fertig ist das documenta-Gericht dieses Jahres. Vermutlich hat jedes der vielen Kollektive genügend viele Könner und Könnerinnen am Start, so dass die Visualisierung ihrer Anliegen nicht als bloß politische Kunst runtergemacht werden darf.