d15 – Keine Gegensätze

Das Künstlerkollektiv Atis Rezistans lässt sich nicht auf einen Totenkopf mit eingedrehten Glühbirnen reduzieren. Dafür ist ihre Welt der tausend Zwischenschichten und Symbole zu kompliziert. Ebensowenig ist ihre Kunst durch Gegensätze beschreibbar, wie dies zur Zeit in den Kunstmagazinen getan wird. Wie aber lässt sich sinnvoll über dieses Kollektiv reden? 

Das documenta-Handbuch ist zur Beantwortung dieser Fragen keine gute Adresse. Statt auf die Abgründigkeit eines einmaligen Lebensgefühls einzugehen, wird politisch argumentiert. Ein zentrales Thema von Atis Rezistans sei «die Rolle Haitis im globalen Befreiungskampf». Haiti mag eine Rolle gespielt haben «in der globalen Geschichte des Befreiungskampfs der Schwarzen», wie wir im Handbuch tapfer weiterlesen, doch das Lebensgefühl der Mitglieder dieses Kollektivs ist von anderen Themen bestimmt.

Sie sind in den Filmen, die in der Sakristei der Kirche St. Kunigundis, dem für viele inzwischen energievollsten Standpunkt der documenta fifteen, gezeigt werden, erlebbar. Die ausgestellten Künstler leben im Ghetto und in Armut, eingeengt zwischen heruntergekommenen Betonwänden und überfüllten Straßen. Lärm. Schmutz. Herumstehende Menschen jeden Alters und Geschlechts. Christuskreuze und Voodoogeister, Alkohol, Drogen, Hunger und ungebremste Lebensfreude. Davon, aber nicht von Befreiungskampf vermitteln die Bilder einen Eindruck. Die Künstler mit ihren teils brutalen, bizarren, irgendwie meist witzigen Skulpturen und Objekten, Bildern, verkorksten Readymades – sie reden nicht der Geschichte und ihrer bedeutenden Rolle in ihr das Wort, sondern drücken vor allem eins aus, nämlich ein urkräftiges Bedürfnis nach künstlerischem Ausdruck, der jetzt und hier seine Entladung vollzieht. 

Manche dieser Künstler können überhaupt nur noch in ihren engen Ateliers (was für ein irreführendes Wort für ihre arm-seligen und über-seligen bunten Kabuffs) jene Luft einatmen, die sie für ihr Überleben als mit Geist und Seele ausgestatteten Menschen benötigen. Dass in ihrer Kunst dann so viel Leichtigkeit, Witz und Spieltrieb versammelt sind, so viel ekstatischer Tanz zwischen Leben und Tod unter vollem Einbezug sowohl des Lebens als auch des Todes, das beweist ihre Widerstandskraft und ihren ungebrochenen Glauben an Sinn, auch in einem alles andere als einfachen Leben.

Gruß,