d15 – Eine «Werkeldocumenta»?!

Der heutige Erkundungsgang durch die Oststadt verstärkte den Eindruck, dass es in diesem Jahr so etwas wie eine «Werkeldocumenta» geben könnte, wie dies in solchen Ausmaßen noch nie der Fall war. Es ist zur Zeit noch kaum irgendwo etwas fertig. Ob in oder vor der Documentahalle, im Hallenbad Ost oder an den Standorten im Osten der Stadt, ob in den zu documenta-Orten umfunktionierten Unterführungen – an keinem der genannten Orte scheint sich was Großes vom Alltagsleben abzuheben, wie dies sonst in der Vorbereitungszeit einer neuen documenta knisternde Vorfreude erzeugte. Stattdessen Werkeln hier, Stichsägen dort, Bierchen trinken auf jenem Bänkchen und ein Schwätzchen der documenta-Macher auf einem anderen Bänkchen.

Die Frage ist aber vielleicht gar nicht die, ob es so ist, wie ich es andeutete, oder nicht (wobei es sehr den Anschein macht, dass es so sei). Die Frage könnte vielmehr eine ganz andere sein: Was wäre schlimm daran, wenn die documenta nicht mit einem Fanfarenstoß vollendeter ästhetischer Tatsachen auf das Publikum losginge, sondern gerade mal so das nötigste zum Start hinlegte? Es wird ja von dem Kuratorenteam so sehr auf Prozess gemacht, da kann, ja da darf doch nicht am Beginn eines hundert Tage dauernden Prozesses schon das Hochglanzprodukt am Himmel erglänzen und müdes Grau sich über die Resttage legen!

Damit das klar ist: Wir hier in Kassel brauchen keine Starfighter, die, wie beim Filmfest in Cannes, haarscharf über unsere Köpfe hinwegfegen und uns die Bedeutung der documenta ins Hirn blasen.

Vielleicht wird die documenta im Jahr 2022 derart unspektakulär und so was von menschenscheu, zurückhaltend, privatistisch, dass das, was dadurch passiert, doch in der Summe eine große Freude werden könnte.

Herzlich