d15 – Widerständig, aber nicht anklagend

Links auf dem Bild sind Matten mit großen Kissen für erholungs- und bildungsbedürftige Besucher abgebildet. Bücher liegen neben jeder Matte (links außerhalb des Bildes sind noch weitere Matten) und laden zum Verweilen ein.

Der Schnappschuss wurde in der Hafenstraße 76, einem der Standorte der documenta, gemacht. Rechts hängt eins von vielen Bannern ins Bild herein. Die Botschaft ist für einmal simpel und gleichzeitig hintergründig. Es heißt nicht: «Strategien des Widerstands». Eine solche Formulierung hätte besser zur letzten, der vierzehnten documenta gepasst, da gab es viel Aufschrei von Künstlern aus marginalisierten Ländern, Protest und Anklage.

Ganz anders die documenta fifteen! Sie besticht durch eine Widerständigkeit, die keine Angriffe fährt, sondern Verständigung sucht. Sie stellt Ergebnisse vor, Teilergebnisse, Prozessprotokolle von teilweise extrem aufwendigen Prozessen. Die vertretenen Kollektive sind konstruktiv und gut aufgestellt. Ansammlungen von Positivität, Durchhaltewillen und Fachkompetenz. Auch Ansammlungen von innovativem Denken. Das ist das Gegenteil von Konfrontation, Angriff, Grenzziehung. Destruktiven Verhaltensweisen wie die zuletzt genannten kommen von außen an die documenta heran, ich will für einmal keine Details nennen und nicht sagen, von wem, sie sind hinlänglich bekannt.

Heute kam ein Brief aus Süddeutschland. Die Absenderin meinte, es habe wohl wenig Sinn, nach Kassel zu kommen, wo doch gerade die documenta in den Dutt gehauen werde. Und ein Freund aus Freiburg, der schon die Hin- und Rückfahrt gebucht hat, meinte am Telefon, ebenfalls heute, er habe ganz schön Bammel zu kommen in dieses streitende Chaos. – Wie einfach ist es dann, von hier aus, von vor Ort gewissermaßen, sagen zu dürfen, sie sollten einfach kommen und sich freuen. Alle Besucherinnen und Besucher, mit denen wir heute in der Straßenbahn und auf den Standorten der documenta Gespräche führten, empfehlen ihren Freunden dasselbe.

Ich weiß, wer das hier liest und sonst die großen deutschen Zeitungen liest und vielleicht auch noch den Fernseher oder das Radio anmacht, denkt, ich hätte eine rosarote Brille auf. Kann man nichts machen.

Wo Leute angehalten werden, mit heruntergelassenen Visieren aufeinander loszudreschen, wird jede Strategie, die nicht aggressiv vorgeht, bekämpft. Doch die Faustschläge verlieren sich in Watte, weil die Leute, die auf dieser documenta vertreten sind, nicht zurückschlagen, auch dann nicht, wenn die Angriffe gegen sie unfair sind. Sie haben andere, widerständigere Strategien entwickelt. Die Weggucker beißen sich daran die Zähne aus.