d15 – Willensregungen

Meine heutigen Tagesgedanken widme ich Christoph Glanz.

Mir kommt grad der Gedanke, dass ich mich als Beisitzer für das Gremium eignen würde, das nun doch eine Sichtung des gesamten documenta-Bestands vornimmt. Ich kann von mir sagen, dass ich ein sehr gutes Gespür für das habe, was als «Antisemitismus» auf dieser documenta fifteen gesucht wird.

Je nachdem, wo die Linie gezogen wird, kann obige Laufschrift des lumbung-Künstlers Hamja Ahsan im Eingangsbereich des Hübner Areals antisemitisch interpretiert werden. Was ist das denn sonst! Ein befreites Palästina kann es ja doch wohl nur auf Kosten der Eliminierung Israels geben. Solche Kausalschlüsse ziehen manche Leute sofort, wenn sie so was lesen. Für sie schreit dieser Abschnitt aus Ahsans Laufschrift, die auch gleich noch in arabischen Schriftzeichen rot mitläuft, nach der nächsten Intifada. Das Ende solcher quasikausaler Überlegungen wäre dann: Runter mit Hamja Ahsan von dieser documenta, runter mit seinen Laufschriften und Reklameleuchtkästen vor dem Fridericianum, im Treppenhaus von WH22, in der Grimmwelt, auf dem Hübner Areal und wo sie sonst noch überall blinken und zwinkern.

Wenn ich sage, ich hätte ein gutes Gespür für das, was dieses Gremium sucht, glaube ich allerdings, dass auch alle anderen documenta-Besucherinnen dieses Gespür haben. Ist ja auch keine besondere Kunst. Wir müssten, um diesem doch recht undurchsichtig zusammengestellten Gremium zuzuarbeiten, einfach so über die Ausstellung gehen, dass wir alles, was durch die Kunst von Menschen aus dem Globalen Süden an unserer westlich-amerikanistisch-europäischen Sicht auf die Dinge in Frage gestellt wird, als «antisemitisch» bezeichnen. Klingt zynisch, ich weiß, aber ist es nicht so?

Weil einflussreiche Leute das genau so simpel sehen, kann ich ihren Ruf, diese documenta mit sofortiger Wirkung zu schließen, restlos nachvollziehen.

Ich merke, dass ich mich seit einigen Tagen nicht mehr so sehr aufrege wie bisher, obgleich weiterhin der Wahnsinn galoppiert. Macht es nicht einfach Sinn, seine Meinung zu diesem Wahnsinn kundzutun und den Rest möglichst gelassen abzuwarten. Wir müssen es sonst doch auch.

Wenn jetzt einer kommt und meint, dass es uns insgesamt in unseren Breitengraden doch noch gut gehe, weil wir unsere Meinung sagen dürften, dann antworte ich: Es ist schwer, eine Meinung zu haben, die von der Masse mit Füßen getreten wird.

Hoffentlich dürfen wir ruangrupa und den Künstlerkollektiven und Einzelkünstlerinnen dieser documenta gegenüber so lange unsere grundpositive Haltung zum Ausdruck bringen, wie sie es verdient haben – und sie haben es verdient, auch wenn, nein gerade weil auch Kurdinnen und Palästinenser unter ihnen sind.

Gruß