d15 – «Wir sind hier»

Die erste von vermutlich mehreren Antisemitismus-Veranstaltungen im Zusammenhang mit der documenta fifteen ist soeben beendet worden. Ich hielt es fast nicht aus. Warum? Aus dem einfachen Grund, weil ich von Anfang an darauf achten wollte, ob nur über Juden und Antisemitismus gesprochen würde oder sich jemand auch des palästinensischen Volkes erinnern würde.

Der Moderator begrüßte die Leute auf der Bühne. Kaum Publikum. Den Livestream verfolgten etwa 750 Menschen, am Schluss waren es noch gut 600. Ade Darmawan von ruangrupa saß als Zuhörer im Publikum. Der Moderator wusste nicht, wer er war,wurde aber darüber informiert, dass er zu ruangrupa gehörte. Ade Darmawan ging aus dem Publikum nach vorn, bekam kurz Mikro und sagte, er vertrete ruangrupa und werde an diesem Abend hören, was geredet werde. «Wir sind da», sagte er, gab das Mikro zurück und ging wieder ins Publikum.

Dann begann die Veranstaltung. Ich kann nur für mich sprechen, aber für mich war das kein Dialog. Weit entfernt davon. Das Gegenteil davon.

Was meine Ohren betrifft, gab es einzig von Adam Szymczyk Öffnungen. Seine Position war eine postmoderne, zuversichtliche. Er glaube an die echte multidirektionale Begegnung zwischen uns Menschen, sagte er. Selbst bei einer auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte anscheinend absolut unverhandelbaren Situation, wie es die Frage des Antisemitismus in Deutschland ist, hielt er den echten Dialog für möglich.

Szymczyk war in diesen eineinhalb Stunden, wie ich finde, der einzige, der, wenn auch verklausuliert (hätte er zu offen gesprochen, wäre er wohl mit ruangrupa gemeinsam einen Topf geworfen worden, was es angesichts der Verleumdungen gegen die documenta tunlichst zu vermeiden galt), darauf hin, dass, bevor man drauflos rede, erst einmal zu regeln wäre, wie man in der Kunst mit gesellschatflich verbotenen Inhalten umgehen könne, dürfe und manchmals vielleicht auch müss. Bevor man über die «schreckliche Bildsprache» und über die «eindeutige Grenzüberschreitung» dieser documenta (beides Worte von Hessens Kunstministerin Angela Dorn) redet, müsste also einiges geklärt werden, was Kunstbetrachtung und Kunstgeschichte betrifft. Daran war wohl niemand so recht interessiert außer. Und wenn darüber geredet worden wäre, wäre vermutlich einzig Adam Szymczyk dazu wirklich fähig gewesen…

Er meinte, es müsste möglich sein, dass in Zukunft Künstler_innen aus Ramallah mit Künstler_innen aus Tel Aviv zusammen ausstellten. Insofern war er der einzige, der in der Runde, wenigstens indirekt, daran erinnerte, dass in den gleichen geografischen Breitengraden, in denen das israelische Volk lebe, noch ein weiteres Volk existiere, nämlich das palästinensische. 

Szymczyks leicht verstehbaren Worte gingen etwas unter im restlichen Gespräch, das für mich, wie gesagt, kein Gespräch war. Für echte Gespräche ist die von großen Traumata besetzte Antismitismus-Debatte anscheinend noch weit, sehr weit, unendlich weit entfernt. 

Wie, wenn dank der Kunst, dank dieser documenta einige Schritte in Richtung ehrlicher, gegenseitiger Verständigung möglich würden?!