d15 – Worte ersetzen Bilder

Wenn das so weitergeht, interessieren sich die meisten bald für keine Bilder mehr von und zur documenta fifteen, sondern nur noch für Worte und Debatten.

Für morgen werden Interessierte der Antisemitismusdebatte in der Kunst zu einer Veranstaltung eingeladen. Professorinnnen und Professoren und übrigens auch Adam Szymczyk, der Kurator der documenta 14, reden in der Unteren Karlsstraße 14. Gleichzeitig wird die Diskussion als Livestream gesendet (auf dem Youtube Kanal der documenta: https://bit.ly73OmaeYu).

Ein Passus in der Presseankündigung ist fettgedruckt, ein einziger. Er lautet: «Aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie ist das Platzangebot vor Ort stark eingeschränkt.»

Wer schwierige Erfahrungen in den Gefühlen abgelagert hat, wittert manchmal Schwierigkeiten, auch da, wo vielleicht keine sind. Mich erinnert diese Einladung mit ihrem a priori stark eingeschränkten Platzangebot an den Eröffnungstag der diesjährigen Weltausstellung, wo ich Gutgläubiger vor dem Fridericianum auf die Rede von Herrn Steinmeier wartete, der dann mit seinem Anhang in die Documentahalle marschierte und vor unseren Augen verschwunden war, bevor wir ein Wort von ihm gehört hatten.

Während morgen tagsüber Hundertschaften eng auf eng durch die Räume des Fridericianums flanieren dürfen, völlig in Ruhe gelassen, ohne Maskenzwang und COVID-Androhungen, sollen sie am Abend aus Vorsicht vor Ansteckung zu Hause bleiben. Nur bitte nicht in echt, also analog erscheinen, sondern viraltechnisch isoliert digital. Irgendwie erstaunlich.

Und noch etwas erstaunt mich. Die Veranstalter gehen anscheinend davon aus, dass die documenta fifteen «antisemitische Bildsprache» zeige. Über den Sinngehalt des abgehängten Bildes, das antisemitische Bildsprache transportierte oder transportiert habe, wird nicht diskutiert, sondern ’nur‘ über Antisemitismus an sich – und natürlich im Zusammenhang mit der d15.

Jetzt kommt es darauf an, sich daran zu erinnern, was man von Kunstausstellungen lernen kann. Man kann von Kunstausstellungen nämlich lernen offen zu bleiben. Offen bleiben, weil immer mit der Möglichkeit einer Überraschung, Weitung, Umstülpung, Beglückung gerechnet werden darf.

Das gilt letztendlich auch für dieses Gespräch morgen.