d15 – Zauberlehrling

Standort St. Kunigundis.

Es ist, als wäre die documenta fifteen zur Büchse der Pandora mutiert, oder als hätte es ein gehässiger Flaschenteufel auf sie abgesehen. Täglich neue Meldungen absolut entgegengesetzten Inhalts. Hat denn nun Herr Pirotte recht, der meinte, der Antisemitismus sei ein Instrument, um die Schau zu diskreditieren? Oder hat Frau Richter recht, die diese Argumenatation unlängst «eine krasse Verdrehung» nannte? Kann man (die) Juden verstehen, die sich diskreditiert fühlen? Oder ist das Verständnis stärker auf der Seite von ruangrupa und den Künstlerkollektiven, die sich gegen die Beschimpfungen, denen sie sich ausgesetzt sehen, in einem öffentlichen Statement verwahren?

Ich ging gestern mit einer Frau, Künstlerin und aus einer jüdischen Familie stammend, über die documenta. Wie schon so oft, hatte sie berührenden und schöne Begegnungen mit Menschen und Künstlern. Sie zeigte sich beeindruckt vom Standort Hallenbad Ost. Sie freute sich über das Projekt RomaMOMA, diese Plattform für Romakunst. Sie ließ sich von den Themen vieler Kollektive bewegen und zu Gedanken anregen. Sie sei begeistert, sagte sie am Abend.

Was sie sagte, als ich sie ins Fridericianum zur Ausstellung der Archives des luttes des femmes en Algérie führte und ihr das Heft mit den zwei Abbildungen israelischer Soldaten zeigte, die eine Zeit lang Schlagzeilen gemacht hatten, fiel sie fast aus den Schuhen, als sie hörte, was Herr Beck und andere dazu geäußert hatten. So sehr sie mit dem Judentum verbunden sei, sie finde sein Einstehen für das Judentum weder produktiv noch nötig, sagte sie, im Gegenteil.

Ich schließe mich ihrer Meinung an.

Die Forderung der Politik und der Gesellschaft, dass Kunst einfach sein und komplizierte Kunst verboten sein müsse, kann kein Fortschritt sein. Doch diese Haltung greift beherrscht die idocumenta und wird mehr und mehr zu einem allgemeinen und überaus bedrohlichen Phänomen. Bei diesem Problem helfen Kontextualisierungen wenig, denn wer einfache Darstellungen fordert, wird sich nicht mit solchen manchmal recht komplizierten Erklärungsversuchen herumschlagen wollen.

Gruß