Das digital vernetzte Fußballpublikum

Bill Gates dürfte sich über den digitalen Schub freuen, den zu realisieren er schon Ende des letzten Jahrhunders als die Aufgabe für das neue Jahrtausend vorgeschlagen hat. Es gehe darum, den Datenhighway so auszubauen und zu optimieren, dass die digitale Welt in Echtzeit erscheine.

Und bald wird das möglich sein. Orchestermusiker könnten zu Hause in ihren vier Wänden sitzen, jede und jeder vor der Kamera und alle mit dem Dirigenten vernetzt. Er selber würde in Echtzeit dirigieren und zwischen ihm und den Musikern wäre keine Tausendstelsekunde Zeitverschiebung, wie sie heute in den unvollkommenen Medien noch die Kommunikation erschwert und manchmal noch verunmöglicht.

Doch in diesem Beitrag geht es mal nicht um die klassische Musik, sondern um Fußball. Mindestens zwei Dinge liegen da zur Zeit gerade sehr im Argen. Zum einen findet kein Aggressionsabbau bei den Fans mehr statt. Gefährlich gefährlich. Durch die Stadionsperre müssen sie so viel entbehren, dass ihnen das Leben aus dem Ruder zu laufen droht. Zum anderen sind da die Spieler selbst, die nun plötzlich ohne die 50.000 Kehlen, die sie zu übermenschlichen Leistungen antreiben, ihre Tore schießen und die Spiele gewinnen sollen – eine angesichts der gespenstischen Gesamtsituation fast übermenschliche Herausforderung.

Deshalb der Vorschlag an die Menschheitsbeglücker, die auf allen Ebenen den Datentransfer optimieren: Wir brauchen ein Kommunikationsnetzwerk, das so funktioniert, dass die Zuschauerstimmen ohne Zeitverschiebung in einen Computer eingespeist werden. Die Fußballfans könnten zu Hause bei Bier, Fahne und Gesang mit ihren anspornenden oder vernichtenden Worten das Spiel am Bildschirm verfolgen und würden über ein Mikro ihre Emotionen verschenken, dies in Form ihres Schreiens, Johlens, Singens und Schimpfens, das aufgenommen und weitergeleitet und prozentual zur Anzahl möglicher Zuschauer direkt ins Stadion geleitet würde, was die Spieler wie zu den Zeiten, als sie ihre Fans noch im Rücken hatten, zu Raserei und hemmungslosem Rasen auf dem Rasen anstachelte. 

Angenommen das Stadion erfasste 80.000 Menschen. Dann könnten sich ebensoviele Zuschauer bequem von daheim aus zuschalten. Die Stimme jeder und jedes Einzelnen würde in homöopathischer Dosis ins Stadion gesendet, wo sie, zusammen mit 79.999 anderen Stimmen den Original-Publikum-Sound eines auverkauften Fußballspiels ergäben. 

Eine solche Mischung aus analoger und digitaler Realität wäre nicht das, was sich die wirklichkeitsfeindlichen Köpfe in Silicon Valley vorstellen, vielmehr würde es die ziemlich proletenhafte Befriedigung einer in Coronazeiten um ihre Analogizität geprellten unzufriedenen Menschheit darstellen, aber immerhin.

Übrigens müsste doch zusätzlich auch noch möglich sein, von den Leuten daheim digitalisierte Gesichtsmasken so auf das Fernsehbild aus der Arena zu projezieren, dass auf unseren Bildschirmen der Anschein entstünde, das vom Brüllen und Lärmen sich biegende Stadion sei bis auf den letzten Zuschauer voll.

Schade bei der ganzen Sache wäre nur, dass wir nicht mehr länger durch Flitzer oder schrill bekleidete Frauen überrascht würden, die für Sekunden alle Sicherheitsschranken zu durchbrechen und den Flow der Spieler für kurze Momente durcheinanderzubringen vermochten.

Sportlichen Gruß an die Digitalfreaks,

euer