Das Kleid ist neu – der Inhalt nicht…

Der Inhalt ist nicht neu, aber das Kleid, in welchem die neuen Begriffe erscheinen. Die Wirkung eines dieser Begriffe übertrifft inzwischen diejenige modernster Waffen. Dabei dreht sich alles wie eine Spirale in sich selber ein und wird unvernünftig, antivernünftig. Mit der Waffe der Vernunft wird Unvernunft gezüchtet.

Die Erfindung von Begriffen erobert uns wie knallige Romantitel in den Buchauslagen. Pandemie ist ein solcher Begriff. Früher wurde er vor uns geschützt wie der Bodensatz in der Büchse der Pandora. Heute hantieren wir mit ihm wie mit einem Funartikel. Präsidenten, Medien und die Herren und Damen Kleinmann auf der Straße schleudern ihn wie ein Spielzeug durch die Luft, um die anderen abzuwerfen. Als hätten wir wieder Freude an Völkerball. Als wäre Krieg mit entsicherten Waffen. Wir alle stehen im Windschatten dieses Begriffs, über den sich Heerscharen von Wissenschaftlern stürzten, um ihn von allen Seiten her mit Farbe einzusprühen und als Tischbomben gegen die Vernunft in Milliarden Haushalte zu katapultieren. Seither streiten sich Familienmitglieder genauso wie Bundesausschüsse über den richtigen Gebrauch von Abwehrmaterial gegen etwas, von dem wir noch nicht einmal wissen, welchen Geschlechts es denn nun in Wahrheit ist. Die Wahrheit des Virus, der oder das uns sein memento mori entgegenschleudert und uns angrinst wie der Tod, der nicht nur unsere Lieben, sondern jede und jeden Einzelnen von uns auszulöschen Bereitschaft zeigt.

Im Schlepptau der Pandemie kam die Infodemie. Man sagt, sie sei noch schlimmer. Wir kennen sie seit langem, die Flut der täglich über alle Medienkanäle hereinbrechenden News, die weder News noch seriös noch nachvollziehbar sind, aber uns alle mit Argumenten bewaffnen, die auf unsere Nebenfrau und ihren Nebenmann, auf Kinder und Alte, Politiker, Wissenschaftler, kurz auf alles, was als Mensch vor unserem gesicherten Horizont des Wissens auftaucht, abgefeuert werden.

Bei dieser pandämonischen Informationsflut ist eins das hervorstechendste Merkmal: Wir tappen im Dunkel. Von Gottesfinsternis keine Rede, es ist eine Gedankenfinsternis ohnegleichen über uns hereingebrochen, über mich jedenfalls.

Dabei steht seit einigen Wochen endlich die Natur vor meiner Tür, vor der Haustür genauso wie vor den vielen kleinen Türen meiner Seele, die diese Türen sonst immer zugehalten hat, damit nichts und niemand hereinkomme. Beispielsweise der Gedanke, dass ich in einer Zeit, wo allenthalben vom Horror des Insektensterbens die Rede ist, nach längeren Autofahrten gewohnt bin, mit Wasser, Schwamm und Seife die zerklatschten Insekten von der Windschutzscheibe zu reiben, weil ich mit einem sauberen Gefühl die nächste längere Autofahrt antreten möchte – solche Gedanken habe ich durch keine jener Türen, die meine Seele öffnen, hereingelassen. Ich bin doch schließlich auch nur ein Mensch, habe ich mir gesagt, sollte mich da zwischendurch mal die Frage nach meinem Tun gekratzt haben.

Und jetzt stehe ich am Fenster im Wohnzimmer. Drinnen wir draußen diese Stille. Eine Luft wie Mineralwasser aus den Tiefen der Alpen. Farben eines Frühlings 2020 wie noch nie. Ein hoher Himmel, der sich über mir wölbt und wölbt. Und an der Innenseite des Fensters eine verirrte Fliege und daneben eine Mücke, die unaufhörlich gegen das Glas dotzt. Einzeln werden sie in die Freiheit geführt, ich habe Zeit und erlebe, wie dank eines geschlechtslosen Kleinstwesens das, was bisher als Umwelt manchmal lästig um mich herum war, ein Teil von mir wird und ich ein Teil von ihm werde. Noch nie habe ich so lange und ruhig und exakt einem Insekt hinterhergeschaut, wie es aus dem Fenster in seine Freiheit fliegt und mir zum Dank für seine Rettung durch einen kleinen Schlenker in seiner Flugbahn dankt.