Das Verschwinden der Schildkröte

Stell Dir vor, eine Schildkröte käme in unser Haus, erzählte Berenike kürzlich, sie würde sich einrichten bei uns und wir hätten daran unsere Freude. Wir würden ihr da und dort Futter hinlegen, ihr Nischen lassen, wo sie ungestört sein kann. Das Leben würde sich für sie so anfühlen, als wäre sie ganz in ihrem Lebenselement.

Irgendwann vernachläßigen wir die Schildkröte, haben anderes zu tun, andere Interessen. Wir legen kein Futter mehr hin, brauchen allen Raum für uns. Für die Schildkröte wird das bisher so problemlose Leben schwierig. Essen fehlt, keine Ruhe, sondern Hunger und Unwohlsein. Warum ist sie eigentlich in diesem Haus? Hier ist für sie keine Zukunft, sie kann sich nicht mehr willkommen fühlen, spürt durch ihren Panzer und die dicke Haut hindurch, dass sie unerwünscht ist. Erst zieht sie sich zurück, das ist keine Lösung. Dann geht sie. Ist weg, verschwunden, unsichtbar geworden.

So ungewohnt es war, dass sie in das Haus kam, so schnell ist sie vergessen.

Für die Schildkröte ist das weitere Leben schwierig. Im Haus gab es für sie immer zu essen, sie fand ihre Ruhe und hatte angenehme Rückzugsorte – und unsere Wertschätzung hatte sie auch.

Unser Zusammenleben hat ein Ende genommen. Das Wunder ist erloschen, die Verzauberung entschwunden. Wo soll die Schildkröte hin, wenn es ihr überall so geht wie damals in diesem Haus? Was soll sie tun, wenn wir Menschen ihre Lebensräume überall da, wo sie leben könnte, zerstören? Uns nicht mehr um sie kümmern? Alles für uns einrichten und fremdes Leben nicht nur aus unseren vier Wänden, sondern von der Erde verbannen?

Und nicht nur sie, andere Tiere, große und kleine, Millionen Arten stehen vor dieser Frage. Tiere sind mindestens genauso intelligent wie wir Menschen, und sie sind viele und alle haben sie Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können. Doch wenn sie in der Sache der Verteidigung auch nur entfernt so organisiert sind wie wir, dann werden sie sich beraten und Möglichkeiten suchen, wie sie sich wehren und vor uns schützen, um ihre Lebensräume zurückzugewinnen. Anders als wir Menschen, flüchten sie nicht in Parallelwelten, sondern bestimmen real existierende Abgeordente, die in unser Leben eingreifen und die Welt verändern, der wir Menschen so lange schutzlos ausgesetzt sind, als wir in physischer Form als reale Menschen auf ihr leben. Ihre Abgeordneten agieren wie kleine Nanotechniker, brauchen dazu allerdings keine Maschinen wie wir, sondern nutzen ihre Netzwerke der Natur. Sie handeln wie klitzekleine unsichtbare Minizwerge, ohne Geschlecht, ohne Dauer, ohne sich an die Gesetze von Raum und Zeit zu halten, extrem intelligent, zielsicher, erfolgreich. Und sind plötzlich in jeder Ritze nicht nur unserer Häuser und Wohnungen, sondern auch in den Zellen, Lungen, in den Knochen, im Blut.

Berenike hat ihre Schildkrötengeschichte nicht bis in solche fantastischen Dimensionen entfaltet, aber ich frage mich, wie das Leben weitergegangen wäre, wenn wir aufeinander geachtet hätten, wir auf die Schildkröte – und sie auf uns. Machmal denke ich, dass sie es immer noch gerne tun würde, doch sie und ihre nichtmenschlichen Mitlebewesen mussten sich zusammenschließen. Und wir, dumm, wie wir in entscheidenden Momenten oft genug sind, haben uns über sie dermaßen erschrocken, dass wir uns seither freiwillig in unsere vier Wände einschließen.