Widerlager der Kritik

Gestern beim Wandern durch den Wald schoss mir der Begriff WIDERLAGER DER KRITIK in den Sinn.

Manche Menschen, oft Künsterinnen und Künstler, brauchen viel Widerlager, andere wenig oder gar keins. Reinhold Messner verteidigt seine erste Achttausenderbesteigung, bei der er als Achtundzwanzigjähriger seinen sieben Jahre jüngeren Bruder verlor, seit nun schon einem geschlagenen halben Jahrhundert. Seit tatsächlich 50 Jahren kämpft er um die Rehabilitierung seines Naga-Parbat-Fiaskos von 1970 und hält seit ebensovielen Jahren Vorträge darüber. Machmal scheint es, dass er gegen fiktive Feinde kämpft, weil gar niemand mehr da ist, der ihm Paroli bietet.

Widerlager der Kritik. Wo viel Öffentlichkeit ist wie bei Reinhold Messer, da ist viel Kritik, Gift und Ressentiment. Für die Schriftstellerei und ihren Drang nach Öffentlichkeit gilt das genauso. Willst du den Hass studieren, geh unter die Schriftsteller, lautet ein alter Spruch.

Doch es gibt unter den Schriftstellern auch welche, die keine Öffentlichkeit brauchen. Einer davon ist Robert Walser! Sein Leben war ein Leben ohne Widerlager der Kritik.

Wie wohl fühlen sich Robert Walsers Leserinnen und Leser im linden, lichtdurchsäuselten Gewebe dieses durch und durch liebenswerten Menschen, der so wenig Widerlager hatte, dass seine Verwandten ihn, um nicht für seinen Unterhalt zahlen zu müssen, in die Psychiatrie stecken konnten – wo er fortan an der Natur, an der menschlichen Seele, am Wunderwerk der Menschensprache partizipierte.

Das Widerlager der Kritik ist wie Salz für das Leben. Doch es geht auch ohne, wie Robert Walser beweist, denn in seinem Werk ist Salz durchaus vorhanden und dies in der richtigen Dosierung.

Grüße,