Demaskierung durch Maskenpflicht

Durch das Verschwinden vieler menschlicher Gesichter hinter Gesichtsmasken hat eine Demaskierung des Lebens stattgefunden. 

Schon beim ersten Lockdown hatte ich in der Warteschlange bei den Einkaufswägen im Baumarkt mit den Menschen hinter und vor mir Gespräche, wie ich sie sonst und bisher auf dem Baumarktgelände noch nie hatte, offene, interessante, lustige, ehrliche und mutige, an Persönliches reichende Gespräche. Manchmal wäre ich am liebsten noch einmal zusätzlich hingefahren, nur um wieder solche Gespräche zu haben.

Dieses Erlebnis hat sich zwischenzeitlich in mancher Hinsicht noch verstärkt. Gerade weil die Sache für immer mehr von uns zur Zerreißprobe wird, ist das Bedürfnis gewachsen, aus seiner Haut zu springen oder eben seine über Jahre und manchmal Jahrzehnte verinnerlichten Maskierungen fallen zu lassen und das wahre Gesicht zu zeigen.

Erzählt Berenike, wie sie bei der Apothekerin, die in letzter Zeit besonders, ja extrem ruppig war, ungewollt einen menschlichen Vollreffer gelandet habe, weil sie ihr wegen einer Bestellung verschiedener Medikamente und entsprechender Telefonate und Suchbewegungen in einschlägigen Katalogen plus Direktbestellung beim Hersteller (und nicht beim Großhändler) vorgeschlagen hatte, sie solle diesen Zusatzaufwand an Arbeit doch bitte berechnen. Die Apothekerin sagte, das werde sie nicht tun, aber sie freue sich sehr über die Geste, dass mal eine Kundin so etwas über ihre Arbeit gesagt habe. Und war plötzlich entstresster als noch einen Augenblick zuvor. Und zugänglich und redselig im besten Sinne. Das ist nur ein kleines Beispiel. Es gibt viele andere ähnliche, überall, beim Einkaufen, Anstehen, Warten.

Dass wir die Masken fallen lassen, ist überfällig.

Bald sind wir am Punkt, wo wir uns die Wunden zeigen. Davon haben wir Menschen heute genug.

Herzlich