Demo–Seelen–Crash

Zwei gegenströmige kleine Erlebnisse haben mir einen weiteren Tag der Gegensätze beschert. Beschert, also geschenkt. Irgendwie ja, genau, es ist ein Geschenk, wenn mir nahestehende Menschen etwas anvertrauen.

Sie gehe heute auf ihre erste Demo, sagte mir kürzlich eine ältere Frau. Ich dachte mit glanzberuhigter Wehmut, sofort einsetzendem Herzklopfen und einer homöopathischen Mischung aus Ohnmacht, Wut und Trauer an die Demos aus den 1980er Jahren in der Schweiz, bei denen ich in Zürich und Bern vorne mitmarschierte und verändern wollte, was bis heute ungebrochen Bestand hat. Wie wird es der Frau mit ihrem guten und engagierten Herz heute abend zu Hause gehen? Das fragte ich mich, als ich in den Nachrichten mittags hörte, dass die Demo mit Wasserwerfern beendet worden sei. Es wird ihr nicht gut gehen, da bin ich mir sicher. Selbst der Dalai Lama müsste vermutlich mit Emotionen kämpfen, wäre er face to face bei einer Demoauflösung durch die Polizei dabei. Wer da als Mensch zwischen allen diesen von Wut und Hass aufgebrachten Menschen steht, kann nicht von tumultischen Gefühlen frei sein. Ich konnte es jedenfalls nicht.

Am Abend telefonierte ich mit einem ehemaligen Kollegen, der unlängst in Rente gegangen war und sich so auf ein ruhiges Leben nach den schweren und langen Arbeitsjahren gefreut hatte und nun von so viel Unruhe und Ungemach umgeben ist. Es gehe ihm gut, teilte er mit seiner alten, freundlichen Stimme mit, doch was ihm mehr und mehr Sorgen bereite, seien diese Demonstranten in Berlin und überhaupt.

Wie mit der eigenen Seele umgehen? Sie fiebert mit der Frau mit, die auf der Demo war, und wünscht, dass ihr nichts Schlimmes zugestoßen sei. Gleichzeitig sympathisiert sie mit dem Exkollegen, der seine Ruhe nun wirklich ‹verdient› hat, wie ich finde (ja, irgendwie finde ich das tatsächlich, obwohl die Schöpfung für uns keinen Ruhestand vorgesehen hat, doch das wäre ein anderes Thema).

Beides tritt immer öfters an mich heran, kommt wie ein Schwall über die Haustür, Freunde und Freundinnen, die erzählen, dass sie auf die Straße gehen, und Freunde und Freundinnen, die vor genau diesen Freunden und Freundinnen Angst haben.

Freunden gebe ich so viel wie möglich Zuspruch, egal, wo sie der Schuh drückt oder ein Abgrund anspringt. Sich immer nur hinneigen und zuhören ist manchmal schwer. Denn ich habe doch auch meine ganz eigenen Impulse. Diese wünschte ich mit den anderen austauschen wie sie ihre Nöte mit mir austauschen. Das bleibt in letzter Zeit auch mal auf der Strecke. Doch wie dem auch sei, meine Freunde gehen vor.

Es ist nicht immer der primäre Impuls, solche Spannungen als Geschenk anzusehen, vermutlich ist es nie der erste Impuls, aber sie sind es. Sie sind des Stein des Sisyphos, das Gewicht des Sozialen, dessen Spitze auf immer neuen Wegen erobert werden will.

Und so freue ich mich auf das, was andere mir erzählen. Auf alles. Die nicht immer glückliche Bescherung eröffnet immer neue Lernfelder. Solange es die gibt, ist der Karren noch nicht ganz in den Graben gefahren.

Gruß,