Demut

In der Wirtschaft wird Demut weitgehend verachtet. Sie passt einfach nicht ins Konzept. Wer für sie eine Lanze bricht, gilt als konsumfeindlich. Demut könnte zum Verzicht anregen – und dies, wenn sie echt ist, ohne das Gefühl, etwas zu versäumen. Bald gingen bei den Konzernen die Verkaufszahlen zurück. Die Wirtschaft käme zum Stillstand. Sie würde irgendwann kollabieren, vor die Wand fahren. Demütig auf etwas verzichten, weil man es nicht braucht, das löst in unserer Gesellschaft Stress aus. Das Gegenteil von Verzicht scheint hingegen normal zu sein. Wieso soll ich mich in Enthaltung üben, wo Konsum und Luxus winken? Wer es heutzutage mit der Demut hält, bringt sich am besten gleich selber um. – Steht es um die Zukunft dieser Tugend also ähnlich düster wie um die unserer Eisbären? Beiden schmilzt das natürliche Lebensumfeld weg. Bald werden sie verschwunden sein, es sei denn, wir erhalten sie bewusst am Leben.

Demut und Hochmut haben mit Mut zu tun, dabei spielt sich der Hochmut zum Herrn über die Demut auf. Dieses Herren-Knecht-Verhältnis hat System – und Geschichte. In der Bibel verlangt der Philipperbrief, 2.3, von den Demütigen, sie sollten die anderen höher achten als sich selbst. Der große Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant bläst ins gleiche Horn. Der Wert des Einzelnen sei geringer als derjenige allgemeiner Gesetze. In seiner Schrift Metaphysik der Sitten, A 94, gibt er diesem Gefälle den NamenHumilitas moralis“. Frei übersetzt: Übe dich in moralischer Demut und beuge dich vor den Mächtigen über dir.

So ist es gekommen, dass sich viele Menschen dumpf unter das Diktat der Marktwirtschaft stellen. Dabei fallen Demut und Hochmut ineins zusammen: Die Kunden funktionieren ohne zu murren. Sie geben sich als kauflustige, schnäppchengeile Konsumenten und benehmen sich dabei großspuriger und verschwendungssüchtiger als seinerzeit der Sonnenkönig in Versailles.

Kommen uns überhaupt noch Beispiele für Demut in den Sinn? Hatte Johann Eckermann Demut, als er auf seine eigene Biographie verzichtete, um als Sammler von Goethezitaten in die Geschichte einzugehen? – War der ins Irrenhaus abgeschobene, auf einem einsamen Schneespaziergang erfrorene Dichter Robert Walser demütig? – War es Joseph Beuys, als er anläßlich seiner Aktion Celtic + ∿∿∿∿, 1971 in Basel Zigaretten rauchenden Studentinnen die Füße wusch?

Und Goethe selbst? Wie war das bei ihm? Sagen wir’s laut, er war eine Ausgeburt der Eitelkeit und war noch stolz darauf. Man sagt, er war hochmütig. Mag sein. Dass er außerdem ein Kenner der Demut war, ist eindeutig. Im Faust handelt Goethe an einer recht unscheinbaren Stelle von der Demut. Es ist die Szene im ersten Teil, wo sich Faust und Gretchen frisch ineinander verlieben. Gretchen fühlt sich Faust gegenüber unterlegen. Doch was die Demut betrifft, kann er von ihr lernen. Gretchen selbst weiß das nicht. Es erzählt dem großen Herrn bescheiden von den unscheinbaren hauswirtschaftlichen Dingen, die es täglich treu erledigt. Gretchen will geschickt und fleißig sein, alles andere ist nicht so unwichtig. Sie sagt:

Ja, unsre Wirtschaft ist nur klein,
Und doch will sie versehen sein.
Wir haben keine Magd; muss kochen, fegen, stricken
Und nähn, und laufen früh und spat;
Und meine Mutter ist in allen Stücken
So akkurat! (Faust, Vers 3109 ff.)

Faust erkennt in diesen wenigen Worten Gretchens menschliche Größe und ruft ergriffen aus:

Ach, dass die Einfalt, dass die Unschuld nie
Sich selbst und ihren heil’gen Wert erkennt!
Dass Demut, Niedrigkeit, die höchsten Gaben
Der liebevoll austeilenden Natur (V.3100ff.)

An dieser Stelle wird Faust mitten im Satz unterbrochen. Er bemerkt es nicht, so sehr ist er von Gretchen berührt. Er spürt, wie die junge Frau dem natürlichen, einfachen Leben in einer Weise zugewandt ist, die ihm unmöglich ist. Sie lebt in einer Mischung aus Bescheidenheit, Durchhaltewillen und anmutiger Bodenhaftung. Gretchen pflegt die kleinen, unscheinbaren Dinge. Es geht in der Hingabe an den Kosmos ihres kleinen Haushalts auf. Für die Griechen, die uns das Wort ‚Kosmos‘ geschenkt haben, hatte die kleine Welt zu Hause den gleichen Wert wie das geordnete Universum des gestirnten Himmels über uns. Die große Ordnung des Weltalls war für sie gleich bedeutend wie die kleine Welt um den wärmenden häuslichen Ofen in der Küche; beides nannten sie Kosmos.

Dienmut ist eine alte Form von Demut. Das Wort hat sich im Bodenseeraum lange Zeit gehalten. Gretchen ist voll solchen Dienmuts. Ihr dienender Mut offenbart sich in der Zuwendung zum Alltäglichen. Faust ist davon, wie gesagt, berührt. Später muss er es vergessen haben, dieser Global Player des 19. Jahrhunderts hinterlässt wie ein rasender Zombie überall Schmerz und Ohnmacht. Faust, der Mädchenschänder und Mörder mutiert zum Zerstörer ganzer Landstriche. Würde er heute leben, provozierte Faust den globalen Unfrieden, er ist die Vorform des rastlosen, die Erde unter seinen Willen zwingenden Homo Faber, wie er heute in vielen von uns eine breite Spur der unbemerkten Verwüstung und selbstgefälligen Arroganz hinter sich herzieht.

Der amerikanische Zeitgenosse Wendell Berry hat in seinem vor zwei Jahren im Verlag thinkOya in Deutscher Sprache erschienenen Essay Körper und Erde ein Loblied auf die Demut erhoben. Berry entwickelt darin den Gedanken, dass Demut nichts weniger sei als „die Folge akkurater ökologischer Einsicht. Der Dichter und Ökophilosoph hat über siebzig Bücher geschrieben, Berry genießt als Intellktueller in den USA einen Ruf wie etwa Hans Magnus Enzensberger in Deutschland. Doch im Unterschied zu Enzensberger ist Berry auch noch Landwirt, und dies hauptberuflich. Als solcher hat er in seinem Umgang mit der Erde täglich mit den Folgen des weltweiten Raubbaus am Planeten zu tun, der durch die Entfesselung des Maschinenwesens entstanden ist und durch den Wahnsinn optimierter Energiegewinnung in unserem Raubkapitalismus nur immer noch schrecklichere Blüten treiben.

Berry lotet mit seinen vierundachtzig Jahren ohne müde zu werden die Möglichkeiten eines erfüllten, mit sich und der Umwelt übereinstimmenden Daseins aus. Ihn beschäftigt neben den Möglichkeiten des analytischen Denkens vor allem die Tatsache, wie wir durch das Eingebundensein in die mehr als menschliche Welt mit dem Kosmos in eine neue Verbindung treten können.Unsere Körper sind Teil der Schöpfung und lassen uns an all ihren Mysterien teilhaben, schreibt er und fährt fort:Die Schöpfung hält einen Platz für den Menschen bereit, ist jedoch weit größer als die Menschheit, und in ihr werden selbst große Menschen klein.“ Das ist, wie auch das folgende Zitat, aus selbstbewusster Demut gesagt: „Indem ein Mensch erkennt, wo sein Platz in der Schöpfung ist, kann er Heilung, kann er Ganzheit finden.Berry beschreibt die glückliche Formel der Demut. In diesem Licht hat Demut nichts mehr mit Unterwürfigkeit zu tun, im Gegenteil, sie schwingt im Gleichmut und Freimut des von Starkmut getragenen Menschen, der genügend Langmut hat, um an seiner Anmut zu wachsen.

Ich musste auf diesen Amerikaner stoßen, um an ein Vergessen anzuknüpfen, das viele von meinen verarmten, vor hundert Jahren nach Amerika ausgewanderten Vorfahren in melancholischer Erinnerung mitgenommen hatten, als sie aus den Alpen, in denen ich aufgewachsen bin, wegzogen. Was würden ihre Nachkommen heute vorfinden, wenn sie dorthin zurückkehrten, wo jene damals aufgebrochen waren? Vermutlich nichts von dem, was ihre Ahnen als Heimweh in der Seele trugen. Ihnen und uns allen bleibt nur, wie Wendell Berrys eine neue Beziehung zum Planeten zu suchen.

Wie die wildlebenden Eisbären der Eisschollen bedürfen, um in den Gewässern des Nordens zu ihren nächsten Futterplätzen zu navigieren, so bedürfen wir Menschen der lebendigen Erde unter uns. Jetzt, wo ich so viel von der Demut erzählt habe, gestatte ich mir auch noch die Erwähnung eines anderen aus der Mode geratenen Worts. Ich meine die Scholle: Ihr in natürlichem Zustand von Milliarden Kleintieren durchwirkter Lebensraum ernährt uns undlt das Gleichgewicht des Lebens aufrecht, doch nur so lange, wie wir sie bewusst am Leben erhalten.

Herzlichen Gruß,

Quellen:
J.W. v. Goethe, Werke, Hamburger Ausgabe, Band 3, Beckverlag, München 1986
W. Berry, Körper und Erde, Essay über gutes Menschsein, Verlag thinkOya, Klein Jasedow 2016